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#whatislove#emotionspalette#schreibenausleidenschaft

Oh die Liebe

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Oh die Liebe | story.one

So wie ich dich rieche

"Kannst du mir sagen, warum du mich ständig so anstarrst? Ich habe das Gefühl, etwas im Gesicht zu haben. Vielleicht ist mir ja sogar die Nase abgefallen. Habe ich meine Nase noch im Gesicht?"

Ihre beinahe schon aufgesetzte Aufgebrachtheit ließ mich nur noch mehr in ihr Gesicht schauen wollen. Sie schämte sich, wie auch an 362 anderen Tagen des Jahres, wenn es darum ging, jemanden in die Augen zu schauen oder sich einfach fallen zu lassen, während dir jemand in die Augen schaut. Ich bin erheitert, ich grinse sie an, sie schaut zur Seite und dann kurz nach vorne. Nach oben und nach unten. Ich will im Grunde nicht, dass ihr etwas unangenehm ist, aber ich kann nichts dagegen tun, sie toll zu finden. Ich versuche also sie nicht mehr anzusehen.

“Ist alles in Ordnung? War ich etwas harsch?”

Die Worte, welche meistens rund fünf bis zehn Minuten, nachdem ich sie nicht ansehe, in meine Richtung geschossen kommen.

Ich grinse erneut. Wie könnte sie überhaupt jemals zu harsch sein mit ihren zierlichen Gesichtslinien, dem dünnen Haar und den leichten Falten vom Lachen. Sie weiß nicht, wie schön sie ist. In ihrer perfekten Imperfektion scheint alles, was sie tut und sagt, besonders zu sein. Ihre rundlichen Kurven, die sie immer bemängelt und die ich mehr liebe als sie mir glaubt, ihre nervöse Art, sich schnell zu verhaspeln oder gar an sich zu zweifeln, wo sie doch immer alles besser macht als ich. Vor allem aber die Natürlichkeit in ihren Bewegungen, ihren Gesten und Mimiken - wenn ihr vor Lachen die Milch aus der Nase läuft. Pardon, die Kaffeemilch meine ich natürlich.

Am meisten aber liebe ich ihren Duft. Eine Mischung aus ihrem Körperduft, dem Parfum, welches sie schon ewig nutzt und welches immer in dreifacher Ausgabe bei uns im Schrank steht. Dazu kommt noch eine Duftnote vom Essen, welches wir gerne zusammen vorbereiten, natürlich unter ihrer Direktion. Wenn ich in ihrer Nähe bin und sie rieche, da ist die Welt in Ordnung, da beruhige ich mich. Wenn ich ihr beim Anziehen helfe oder ihr einen Kuss in ihr Haar gebe, fühle ich mich zu Hause. Manchmal nehme ich einen Schal oder ein Tuch in die Hand und rieche daran, wenn sie gerade nicht da ist, denn dann fühle ich mein Herz im Brustkorp lauter schlagen. Ich kann mir, wenn ich neben ihr stehe und ihre Hand in meiner halte, nichts mehr wünschen.

Ja, sie ist ganz besonders. Wie ich sie rieche, riecht sie keiner sonst. Seit 48 Jahren habe ich keinen lieberen Duft um mich herum. Auch jetzt, wo sich unsere Leben dem Ende neigen, sitze ich hier auf unserer Terrasse in der Sonne und genieße die leichte Windbriese, die ihren Duft verteilt. Jeder Tag könnte mein letzter sein und nichts im Leben könnte mich daran hindern, glücklich von dieser Welt zu gehen, denn ich hatte eines der duftendsten Leben.

Meine Frau, mein Leben.

© Ida Manko 2022-04-14

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