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Auf der Flucht mit Kleinkind

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Auf der Flucht mit Kleinkind | story.one

Ich "Videokonferenze" jetzt sehr oft. Dabei nimmt man ja dann auch auf voyeuristische Art am Privatleben von Menschen teil, zu denen man sonst gesunde Distanz pflegt. Mein Anlageberater etwa hĂ€ngt seine WĂ€sche recht skurril ĂŒber seine Möbel zum trocknen auf. Eine taffe AnwĂ€ltin versetzt zwar viele erwachsene MĂ€nner in Angst und Schrecken, ist ihrem ca. fĂŒnfjĂ€hrigen Sohn jedoch ĂŒberhaupt nicht gewachsen.

Nach einer langen Konferenz mit Anna gleiten wir ins blödeln ab. Sie macht mich irgendwann darauf aufmerksam, dass sie glaube in meiner Frisur brĂŒtet irgendein Federvieh. Relativ schlagfertig frage ich, ob sie sich denn bewusst sei, dass sie EigentĂŒmerin asymmetrischer Nasenlöcher wĂ€re. Bodyshaming deluxe quasi.

Sie weitet ihre schönen Augen so, dass ich ein bisschen Angst habe ihre AugĂ€pfel springen in die Webcam. Man ist ja wirklich nicht vorteilhaft abgebildet. Auch daran gewöhnt man sich. Sie meint, dass es zu den unterschiedlichen Nasenlöchern eine Geschichte gibt, die sie mir unmöglich erzĂ€hlen könne. Was mein Interesse exponentiell derartig gesteigert hat, dass Virologen ganz schlecht werden wĂŒrde.

Minuten spĂ€ter hatte ich Anna weichgeklopft und bekam die Nasenlöcherstory serviert. RĂŒckblickend war es das Highlight der Woche:

"Der Papa ist mit mir zum Wiener Eislaufverein gefahren um mir das Eislaufen beizubringen. Naja er musste dann aufs Klo. Ich sollte am Rand warten. Aber das Eis war so verlockend ich wollte heimlich eine kleine Runde drehen und ich dachte in dieser Zeit, dass ich das Eislaufen schon voll drauf hĂ€tte. Hatte ich auch auf den ersten Metern. Dann aber nicht mehr so und irgendwann dann gar nicht mehr. Ich bin Vollgas gegen die Bande geknallt und hatte eine blutende Nase. Alles war rot, das Eis. Meine Eislaufschuhe und mein rosa Skianzug. Sofort waren viele Menschen um mich herum. Der Papa ist dann auch bald zurĂŒckgekommen. Er muss den Schock seines Lebens gehabt haben. Ein netter Ă€lterer Mann hat ihm kurz auf die Schulter getippt und gesagt, dass die Rettung schon verstĂ€ndigt wĂ€re. Seine schreckgeweiteten Augen werde ich nie vergessen. Papa hat mich gepackt und ist losgelaufen. Die Umstehenden waren so perplex und haben uns nicht aufgehalten. Papa ist also zu Fuß und mit blutendem, brĂŒllendem Kind quer durch die Stadt geflohen. Wir haben als Polen den klassischen polnischen Abgang gemacht. Ich wundere mich heute noch, warum uns niemand gestoppt hat. Meine Nase wurde nie behandelt und darum schauen meine Nasenlöcher aus wie von Picasso gemalt."

Ich muss dumm aus der WĂ€sche geschaut haben und verstand nur Bahnhof. "Also wir waren ja damals illegal im Land, Papa hatte angst, dass sie mich behalten und ihn abschieben". Ihr akzentfreies Deutsch mit leicht wienerischem Einschlag verleiht der Offenbarung was skurriles. Sie lacht dabei als ob die ganze Story unglaublich komisch wĂ€re. Ich lache mit aber mir wird klar wie viele Themen mir ĂŒberhaupt nicht bewusst sind, da sie mich nicht betreffen.

© Jakob Zitterbart 2020-04-21

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