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#hoffnung#homosexualitÀt#introvertiert

Ich, hier am Fenster

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Ich, hier am Fenster | story.one

Okay. Sie steht dort unten. Dort, vor der Zahnarztpraxis. Die Zigarette in der Hand, seichter Qualm schwirrt um ihren Kopf. Wenn ich jetzt nichts unternehme, ist es wieder zu spÀt!

Mit schnell schlagendem Herzen gehe ich vom Fenster weg und starre auf meine Wand mit den achtundneunzig Klebezettelchen. Auf Zettel Nummer Zwei steht: “Hallo, wie geht's? Mein Name ist Mia und wie heißt du?” Ich habe das PapierstĂŒck viele Male bearbeitet, aber so ist er gut. Einfach gehalten, nicht zu viel. Nicht zu wenig.

Zettel Eins beinhaltet einen neckischen Spruch, weil ich dachte, irgendwann wĂ€re ich vielleicht so weit. Selbstbewusst genug, um cool rĂŒberzukommen. Um mich zu trauen so etwas ĂŒber die Lippen zu bringen. Doch das bin ich immer noch nicht. Nicht schlimm. DafĂŒr gibt es schließlich Zettel Nummer Zwei.

Ich nehme ihn und starre darauf, als mĂŒsste ich mir den Text erst gut einprĂ€gen, wie ein Gedicht. Dies ist mein Gedicht. Mein Poem an die Frau vor der Praxis, deren Namen ich nicht kenne. Wie sehr ich ihren Namen wĂŒsste, behalte ich in jenem Augenblick fĂŒr mich und nur mein schnelles Herzklopfen verrĂ€t mich.

Kurz gehe ich zurĂŒck zum Fenster. Meine HĂ€nde sind so feucht, als hĂ€tte ich sie mir gewaschen. Aber es gibt kein zurĂŒck. Wenn ich es jetzt nicht tue, werde ich ewig hier oben sitzen. Und zwei Jahre Stubenhocker-Dasein sind zu viel.

Die Frau raucht immer noch. Ich muss mich jetzt wirklich beeilen.Mit weichen Knien stolpere ich zur HaustĂŒr, ziehe mir meine Turnschuhe an und die gelbe Jacke. Nur kurz sehe ich auf die TĂŒrklinke, die mich hinaus auf den Hausflur fĂŒhrt. Dort, wo ich so lange nicht mehr war. Die Nachbarn werden austicken, wenn sie mich sehen. DarĂŒber muss ich fĂŒr einen Moment lachen. Ein unsicheres Lachen. Eines von denen, die absolut angsterfĂŒllt sind und eher ausdrĂŒcken: Mann ey, ich wĂŒrde lieber hier bleiben.

Ich drĂŒcke die Klinke dennoch herunter und mein Puls schießt in den sechsten Stock dieses GebĂ€udes. Draußen ist keiner, aber wenn hier jemand wĂ€re, wĂŒrde man mich vermutlich anglotzen wie ein angeschossenes Reh. Hastig renne ich zu den Treppen und nehme immer zwei gleichzeitig nach unten, weil mein ZeitgefĂŒhl verschwunden ist. Mit jedem Absatz schwillt meine Brust an. Vor Aufregung, aber auch vor stolz, weil ich introvertiertes Ding es gewagt habe hinaus zu gehen. Alles Dank ihr, dieser Frau vor der Zahnarztpraxis.

Unten vor der TĂŒr trennen uns nur noch wenige Meter. Sie ist noch schöner, als von meinem Fenster aus. Ihr LĂ€cheln sorgt fĂŒr heftiges Bauchkribbeln, bei dem ich nicht weiß, ob ich mich freuen oder erbrechen soll.

Schnell. Weiter. Bevor mein Gehirn merkt, was ich hier tue.

Als ich kurz vor ihr stehen bleibe, sieht sie mich an. Die Zigarette ist fast aufgeraucht. Eine Weile starren wir.

Dann sage ich die Worte von Zettel Zwei: “Hallo, wie geht's? Mein Name ist Mia und wie heißt du?”

Ihre Augen sagen, das wird nichts, du Loser. Doch als sich ihr Mund öffnet antwortet sie: “Hey, ich bin Sina. Freut mich”, und reicht mir die Hand.

© Julie_Ayden 2021-06-10

#Introvertiert

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