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#begegnung#hamburg

Begegnung

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Begegnung | story.one

Nach einigen Jahren schließlich fasste ich Mut. Es bedurfte einiger Überwindung. Ich hatte Angst. Ich fürchtete mich vor der Begegnung mit mir. Nach einigem Zögern kaufte ich eine Karte: 2. Rang rechts, Loge 5, letzte Reihe links, mein Lieblingsplatz. Ich setzte mich. Tief atmete ich den Geruch des Zuschauerraums der Hamburgischen Staatsoper ein. Mich erwartete ein Rendezvous mit Richard Wagner, einem Weggefährten, und seinem Parsifal. Entgegen meiner früheren Gewohnheit besuchte ich die Vorstellung unvorbereitet. Ich hatte weder das Libretto noch im Opernführer die Zusammenfassung des Inhalts gelesen. Vor knapp dreißig Jahren sah und hörte ich den Parsifal mit zwanzig Jahren zum ersten und vorerst letzten Mal. Mit Tristan und Isolde hatte ich knapp zwei Jahre zuvor Bekanntschaft gemacht. Es folgten der fliegende Holländer, Lohengrin, Tannhäuser, die Meistersinger und der Ring. Die Musik Richard Wagners war für mich seit jeher eine Offenbarung. Eine phantastische, energiegeladene Musik. Mit ihr gelange ich über die Welt hinaus. Für kurze metaphysische Momente, einer tief empfundenen spirituellen Erkenntnis, die die Welt in Dunkelheit hüllt, nehme ich hoch oben auf der Himmelskuppel Platz und blicke hinab auf die Wirklichkeit, in all ihrem düsteren, gewaltvollen Gebaren, ihrer Gnadenlosigkeit, angetrieben vom Hass einiger weniger Menschen, die aus mir nicht verständlichen Gründen die Fäden in der Hand halten. Liebe an sich überzeugt sie nicht, dass mir die Tränen in die Augen schießen.

Die Musik Richard Wagners ist Romantik in ihrer reinsten Form, vollendete Sehnsucht, das von jeher tief empfundene Bedürfnis nach Erlösung. Der Liebestrank? Die Erinnerung, das unumstößliche Bewusstsein von der Kraft der Liebe, das Aufbäumen, die alles infrage stellende, klärende Überzeugung, die alle Grenzen niederreißt und die geballte Dummheit in Innersten ihres Kerns zu sprengen vermag. Ich wünschte meine Großmutter an meine Seite. Sie starb, noch bevor ich erwachsen war. Sie hätte mich gewiss verstanden, wie auch ihr Bruder, der die Liebe in seinem Herzen in Russland verriet. Ich erinnerte mich aber auch an das Glück einer kurzen Liebelei, einem Gefährten, dem ich das Herz in zwei Hälften brach. Zum Vorspiel des Tristan schliefen wir miteinander, mit ziemlicher Bestimmtheit nicht der einzige auskomponierte Orgasmus, fällt mir hierzu spontan die Violinsonate von Cesar Franck ein. Von dieser wird berichtet, dass vor einigen Jahren die weltberühmte italienische Pianistin Maria Boticella und der nicht weniger bekannte französische Geiger Henry Francois in der Garderobe der Pianistin übereinander herfielen, kaum nachdem der Vorhang gefallen war. Zum letzten Satz aus der Dritten Symphonie Gustav Mahlers schliefen wir schließlich ein. Ich erinnere eine einzigartige Nacht, die nicht einen Stein auf dem anderen stehen ließ. Ich erinnere das Vergehen im Weltatem wehenden All.

© Jens Hanisch 2021-06-04

Was Musik mit uns macht

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