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#wunscherfüllung#glücklichsein#vollkommenheit

Der Borobodur

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Der Borobodur | story.one

Der eine ganze Tag in Jakarta genügte uns, erzählte meine Mutter. Morgens gegen halb vier weckte sie der Gesang der Muezzin. Einfach sagenhaft. Während der erste Aufruf laut und klar zum Morgengebet erklang, stimmten weitere Ausrufer in den muslimischen Gesang mit ein, bis die Klänge schließlich gleich einem schwelenden Dunst über den Dächern der gesamten Stadt lasteten. Von da an fühlte sie sich in der Fremde angekommen. Sie sahen das Wahrzeichen der Stadt: das Monas Nationalmonument. Ihr Weg führte sie nach Old Batavia und zum Sunda Kelapa, dem ältesten Hafen in Jakarta, wo bis heute unzählig prachtvolle Frachtsegler eng aneinandergereiht an der Kaimauer vertäut liegen. Am nächsten Morgen stiegen sie in den Zug Richtung Yogyakarta.

Sie fuhren mit etwa eineinhalb Stunden Verspätung ab. Insgesamt verspätete der Zug sich um vier Stunden. Verzögerungen aber seien in dem Land normal. Die Fahrt durch Halbjava war dafür atemberaubend. Sie führte über weite Ebenen, durch saftige Täler, sattes Grün säumte die Strecke. Im Zugbistro, wo das Rauchen erlaubt war, fiel es meinem Vater nicht schwer, mit verschiedenen Reisenden ein Gespräch zu beginnen. Er hatte dort eine Menge Spaß. Er führte nette Unterhaltungen. Wäre er ohne meine Mutter gereist, hätte er dort die gesamte Fahrt gesessen.

Allen skeptischen Stimmen zum Trotz: Nirgendwo sparten die Indonesier an Freundlichkeit. Überall, ob im Hotel, auf dem Bahnhof oder auf dem Merdeka Platz, begegneten sie meinen Eltern mit Erstaunen und Neugier.

Yogyakarta erreichten sie nach Einbruch der Dunkelheit. Meine Mutter erfuhr, dass das Gelände vom Borobudur erst nach dem Sonnenaufgang um sechs Uhr in der Früh öffnen würde. Dennoch: Auf wundersame Weise gelang es meinem Vater, einen Fremdenführer zu organisieren, der mit ihnen gemeinsam das Gelände einen Tag später lange vor Einbruch der Dämmerung betrat.

Natürlich herrscht nicht vom ersten Moment an Klarheit, berichtete meine Mutter: Erst mit der Versenkung kehrt sie heim in die Welt. Der Mond ging im Westen unter, vereinzelt funkelten wenige Sterne. In fahler Dunkelheit stiegen sie die steilen Stufen der Stufenpyramide zur Hauptstupa hinauf. Über den umliegenden Wäldern stieg mit der Dämmerung ganz allmählich der Morgennebel auf. Morgentau legte sich kühl auf den steinernen Absatz, auf dem sie saß und Richtung Osten in die Ferne blickte. Nach und nach begannen die Vögel zu zwitschern, die Grillen zu zirpen. Konzentriert lauschte sie den verschiedenen Klängen und atmete die frische Luft tief ein. Ihr innerer Monolog tauchte ein ins Schweigen. Noch übertönte kein Lärm das natürliche Treiben, brach kein Motorengeräusch jäh durch die zarte Stille oder verschlangen die zahlreichen, munter plaudernden Stimmen der später eintrudelnden Besucher die ruhende Stille. Das Gefühl von Wahrhaftigkeit ergriff sie und strömte vollendet durch sie hindurch. Sie lebte einen unsagbar glücklichen Moment.

© Jens Hanisch 2021-02-05

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