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Halong-Bay

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Halong-Bay | story.one

Meine Mutter lehrte mich früh die Gesetzmäßigkeit vom Werden und Vergehen. Noch heute sieht mein inneres Auge sie auf der Terrasse hinter meinem Elternhaus im Lotussitz dem Wald zugewandt, tief versunken in ihre allmorgendliche Meditation. Die Einheit der Vielfalt lehrte meine Mutter mich aber nicht, indem sie mir lange Vorträge über die vier edlen Wahrheiten des Buddha und den edlen achtfachen Pfad hielt oder mich etwa in lang anhaltenden Übungen unterwies. Allein ihr Wirken genügte, um in mir eine ganz gewisse Faszination für das Zazen zu wecken.

Seit ich mich erinnern kann, hängt in ihrem Atelier, einem frei stehenden Glaspavillon in unserem weitläufigen Garten, eine alte vergilbte Kohlezeichnung: die Darstellung von einem Yogi, aufrecht im Lotussitz, ein Jivan Mukta, ein in diesem Leben Befreiter. „Wovon befreit?“, fragte ich. „Sich Dauerhaftigkeit zu verleihen“.

„Zen ist“, hörte ich die Erklärung meiner Mutter. Sie stand hinter der Leinwand in ihrem Atelier und blickte auf mich herab. „Nichts ist gewiss“, erklärt sie mir. „All das, das kommt, das geht auch wieder. Zen kennt weder Anfang noch Ende. Zen ist Übung, ist der Weg, Tag für Tag."

Der letzte Ausflug unserer gemeinsamen Reise führte Anna und mich in die Halong-Bucht östlich von Hanoi. Eben dort erinnerte ich mich an diese Momente. Anna und ich saßen auf dem Sonnendeck einer der vielen Dschunken, die gemächlich durch das ruhige Wasser glitten. Unzählige Inseln sahen wir kommen und gehen, vergleichbar dem Vorüberziehen weißer Wolken am blauen Himmel, vom Werden und Vergehen, für mich ein nur schwer auszudrückendes spirituelles Ereignis.

In jenem Moment wünschte ich, meine Mutter säße vorne am Bug, dieser nicht enden wollenden Anzahl von Inseln zugewandt. Ich hörte meinen Vater ein Deck tiefer gemeinsam mit dem Koch lachen, während er ihm bei der Zubereitung eines frisch gefangenen Fisches zusah.

Nie zuvor erlebte ich mich, meine Seele, mein Dasein in seiner Einzigartigkeit in dieser Form eingebunden in die mich umgebende Natur. In Übereinstimmung, wahrhaftig, mein Geist sah klar. Ich fühlte mich nah: beiMir.

Zurück in Hanoi saßen Anna und ich auf dem Balkon unseres Hotels im fünften Stock. Wir beugten uns über die Brüstung und beobachteten unter uns das bunte Treiben in den engen Straßen der Altstadt. Einige Tage zuvor hatten wir uns das Ho-Chi-Minh-Mausoleum angesehen, sein Wohnhaus und den Literaturtempel. Wir besuchten das Wasserpuppentheater und gingen am Hoan-Kiem-See spazieren. Zu Abend aßen wir in einer der zahlreichen Garküchen.

Hanoi verlangte von uns, Abschied zu nehmen, nach drei wunderbaren Monaten durch Südostasien. Wir blickten über die Dächer der Altstadt. Wir rauchten, tranken den restlichen Alkohol und wir liebten uns. Früh morgens fuhren wir im Taxi zum Flughafen. Anna, um nach Hamburg zurückzufliegen; ich hingegen beabsichtigte, meine Fahrt fortzusetzen und mit dem Bus Richtung Süden in die Kaiserstadt Hue zu fahren.

© Jens Hanisch 2021-02-19

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