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#provence#sorglosigkeit#bordeaux

Lavendelduft

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Lavendelduft | story.one

Im Auto auf der Landstraße durch Frankreich. Wir fahren durch die Nacht Richtung Süden. Das Ziel lautet Marseille. Links und rechts von der Straße rieche ich den Lavendel, so intensiv ist sein Geruch. Seine Schönheit aber kann ich nur erahnen, wie so manches im Dunkeln bleibt und nie eine Klärung erfahren wird, undurchsichtig wie Laetitia, die es sich neben mir auf dem Beifahrersitz bequem gemacht hatte, kurz nachdem sie mich auf einer Autobahnraststätte wenige Kilometer hinter Paris angesprochen hatte.

Sie fragte, ob ich sie ein Stück Richtung Süden mitnehmen könne? Richtung Marseille? Sie trug einen kurzen Rock, eine helle Bluse, in der rechten Hand hielt sie eine kleine rote Tasche, in der ich das Notwendigste vermutete. Da nichts auf ein Risiko hindeutete und ich sie nur ungern mit einer Bluse bekleidet der Kälte der Nacht aussetzen wollte, erklärte ich mich kurzerhand einverstanden. Marseille lag zwar weitab meiner geplanten Route, das Zufällige jedoch, ihr Anblick verlangte nach einem Ausflug abseits meines Weges. Ich hatte keine Eile. Welchen Ausgang die Geschichte nehmen würde, ihre Gesellschaft für wenige Stunden würde mir allein genügen. Meine Neugier trieb mich, ihre Geschichte, den Grund zu erfahren, der sie auf dieser Autobahnraststätte ausgesetzt hatte.

Laetitias Parfüm roch angenehm mild. Sanft stieg mir der Duft in die Nase, nachdem sie ihre Tasche im Kofferraum verstaut und sich zu mir gesetzt hatte. Sie sprach mit ruhiger, angenehmer Stimme, wirkte auf mich zurückhaltend, introvertiert, nicht impulsiv, zugleich aber leidenschaftlich.

„Macht es dir etwas aus, wenn wir die Landstraße nehmen?“, fragte sie. „Wenn wir einen Umweg fahren? Zu dieser Jahreszeit blüht der Lavendel. Ich liebe den Geruch. Er erinnert mich an die sorglosen Tage meiner Kindheit.“

Wie selbstverständlich schaltete sie das Radio ein und suchte einen bestimmten Sender.

„Ein guter Freund moderiert heute das Nocturne“, erklärte sie. „Er versprach, mich heute durch die Nacht zu begleiten, Stücke für seine Freunde zu spielen.“

Der Sender spielte Klaviermusik, Ravel, Schubert und Chopin, Chansons. Zwischen den Stücken wurde von verschiedenen Autoren Kurzprosa gelesen. Gedichte wurden vorgetragen. Die plätschernden Töne der Musik tauchten die Fahrt in ein anderes, ruhigeres Licht. Unaufgefordert breitete sich die dem französischen Film unverkennbar anhaftende Tristesse aus, der der französischen Sprache anvertraute Trotz.

Laetitias Gegenwart war wundersam angenehm. Unaufgeregt. Ihr dunkelblondes Haar reichte bis über die Schultern. Sie in meiner Nähe zu spüren, das allein genügte mir. Ihre von mir angedichtete künstlerisch kreative Natur, ihr unschuldiges Wesen, all das war nicht gewiss. Als sie am Morgen in Marseille aus dem Wagen stieg, fiel mir auf, sie nicht nach dem Grund ihres Aufenthalts auf der Raststätte gefragt zu haben. Aber: Was hätte das geändert?

© Jens Hanisch 2021-01-31

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