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#theorien#mutmaßungen#verdammnis

Verdammnis

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Verdammnis | story.one

Das Ziel des Wissens besteht in dem Streben nach der einen, wahren Theorie. Der Philosoph Karl R. Popper vertritt die These, dass es sich bei all unserem Wissen um fehlbares Wissen handle, um ungesichertes Vermutungswissen, das auf gewonnenen Erfahrungen beruhe. Naturwissenschaftliche Theorien und Gesetze seien lediglich Hypothesen, vorlĂ€ufige Annahmen, keine endgĂŒltig gesicherten Wahrheiten. Die Erkenntnis sei allenfalls imstande, sich der Wahrheit zu nĂ€hern.

RationalitĂ€t besteht demnach in der nicht endenden Korrektur unserer Überzeugungen. Die TĂŒchtigkeit einer Hypothese zeigt sich, in dem Maße, in dem diese einer öffentlichen und freien Kritik standhĂ€lt. Jene BeitrĂ€ge, die einer ÜberprĂŒfung durch die Gemeinschaft nicht standhalten, werden fortschreitend im Verlauf des Erkenntnisprozesses beseitigt.

Die Wende: die Existenz im Chaos, in der Unbestimmtheit zu verorten. Dort ist der Beginn. Nicht etwa im Nichts, wie manche Mythologie weiszusagen bemĂŒht ist. Nein. Das Dasein nimmt seinen Beginn inmitten der Vielfalt unserer Gesellschaft. Inmitten des Pluralismus, der Unterschiedlichkeit und dem Angebot unendlich vieler Möglichkeiten zu wĂ€hlen, der Multioption. Tendenz steigend. Ebenso fĂ€ngt die Absicht, einen Neubeginn zu wagen, niemals bei Null an, sondern immer inmitten von Allem.

Die Erkenntnis also, dass Wissen an sich obsolet ist und die Gewerke des Idealismus, die Konstruktionen des Guten und Schönen, der Gerechtigkeit unter der Last des Relativierens zusammenbrechen, verortet die Existenz in der Unbestimmtheit. Das Gute, das Schöne, Erkenntnis und Gerechtigkeit an sich gibt es nicht seit jeher. Sie sind nicht Gott gegeben. Sie mĂŒssen noch erfahren werden. Und zwar jedes auf seine Art, auf unterschiedliche Weise.

Eine Notwendigkeit gilt es zu meistern: der vermögende Umgang mit der Vielfalt.

Die Orientierung, die begrĂŒndete Wahl in Freiheit, der Respekt den Anderen, dem Fremden gegenĂŒber, sind unbedingte Voraussetzungen, um einen Minimalkonsens im Sinne aller aushandeln zu können. Die Anforderungen an den Einzelnen fordern ein hohes Maß an Bereitschaft zur MĂ€ĂŸigung, zur Toleranz und Akzeptanz.

Ob das richtig ist? Das weiß ich nicht. Bin ich zu mutmaßen verdammt.

© Jens Hanisch 2021-07-09

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