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Nachtdienst – hart und weich zugleich

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Nachtdienst – hart und weich zugleich | story.one

16.11.2020: Um 19:00 Uhr beginnt mein Nachtdienst. Ich begrüße meinen Corona-Buddy kontaktlos vor der Inspektion und zwischen Tür und Angel wird die Dienstübergabe durchgeführt. Wir betreten die Inspektion und ein letzter Hauch von Desinfektionsmittel weht durch die Kanzleien.

Ich hatte das Wochenende frei und es blieb wieder einmal kein Corona-Stein auf dem anderen. Ich will mich auf den aktuellen Stand der Lage bringen und starte das Mail-Programm. Erwartungsgemäß ist das Postfach voll mit aktuellen Verordnungen, Befehlen und Aufträgen. Wenn ich das alles lese, schaffe ich es wohl nicht in den Außendienst, bevor von “soft” auf “hard” umgestellt wird. Der Lockdown 2.0 steht also vor der Tür und wir gehen wieder auf die Matratzen. Dem Virus haben wir erneut den Krieg erklärt, wobei die im ersten Fight verwendete Flex vorerst im Waffenschrank bleibt.

Beim ersten Lockdown im März wurde noch eine Urlaubssperre verordnet, der Dienst wegen befürchteter Ausschreitungen verlängert und jeder soziale Kontakt mit einem Angriff auf die Gesundheit gleichgestellt. Das Vernadern und Denunzieren feierte fröhliche Urständ, da dem besorgten Bürger „die 4 Gründe das Haus zu verlassen” als gesetzliche Vorgabe und nicht als Empfehlung präsentiert wurden. Viele Anzeigen wurden aufgrund fehlender rechtlicher Grundlage eingestellt, andere landen vor dem Landesverwaltungsgericht. Die Auslegung der aktuellen Verordnung überlasse ich diesmal vorab den renommierten Rechtsexperten, die unter anderem klären wie der österreichische “Knuffelcontact”(einzelne wichtige Bezugspersonen) definiert wird.

Im Gegensatz zum ersten Lockdown haben wir jetzt eine 8-monatige Pandemieerfahrung und eine gewisse Routine beim Umgang mit dem Virus entwickelt. Betriebsfremde Personen betreten, nur wenn unbedingt notwendig die Inspektion. Der Parteienverkehr wird hauptsächlich an der frischen Luft erledigt. Die Schriftstücke werden kontaktlos im Briefkasten oder elektronisch zugestellt. Obwohl unsere Klientel nicht dafür bekannt ist sich an Verordnungen zu halten, haben wir bis jetzt keinen Coronafall auf der Inspektion. Die Maske ist Teil der Uniform geworden. Die Mutter eines Kollegen versorgt uns mit verschiedensten Modellen, die sie aus ausgedienten Diensthemden näht.

Um 24:00 Uhr haben wir nahezu unbemerkt vom weichen in den harten Lockdown gewechselt. Unser Streifenwagen scheint der einzige bewegliche Teil in einem großen Standbild zu sein. Mit einem wachsamen Auge auf die friedlich grasenden Rehe, cruisen wir völlig entspannt durch den Rayon.

02:37 Uhr – Funkspruch – Blaulicht – Vollgas – Festnahme – weitestgehend nach den Corona-Regeln. Da das Begehen gerichtlich strafbarer Handlungen nicht zu den Ausnahmen von der Ausgangsbeschränkung zählt, gibt es als Draufgabe eine Anzeige nach der COVID-19-Notmaßnahmenverordnung. Obwohl bei einem Berufsverbrecher bin ich mir jetzt gar nicht mehr so sicher…

© Johann Köppel 2020-11-20

LOCKdown - 2.(0) KlappeCopstories

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