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Wen(n) ich liebe (1/ 3)

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Wen(n) ich liebe (1/ 3) | story.one

Es lag etwas in der Luft. Das spürte ich, roch ich. Es drang in mich, berührte ein kleines Stückchen sensibler Verletzlichkeit in mir. Dieser Hauch von Neubeginn war wie ein Verbindungsglied zwischen jüngster Vergangenheit und der noch so fragilen Gegenwart. Eigentlich wollte ich ja nicht. “Eigentlich” ist ja schon so ein Wort. Ich wollte einfach nicht und doch ist es “passiert”. Ich ließ es zu, obwohl ich ja nicht wollte.

Selbstlüge half hier nicht. Ich probierte es trotzdem.

Noch eine letzte Zigarette sollte es sein, bevor ich mich wieder in mein Auto setzen und den halbstündigen Heimweg antreten würde. Mitten in der Nacht. Vor dem alten, ehrwürdigen Schulgebäude standen sie. All jene, die das Leben kurz- oder mittelfristig auf andere Wege, abseits von Schulabschlüssen und gar weit weg von der Reifeprüfung geführt hat. Und ich befand mich nun mitten unter ihnen. Den gealterten Schulbankdrückern, die nach der 40- stündigen Arbeitswoche, neben den kleinen Kindern, neben anderen familiären Herausforderungen oder ganz einfach “so” noch mal etwas nachholen wollten. Oder mussten.

Hier war ich nun und fühlte mich so fehl am Platz.

Ich hätte die Schule normal beendet, hätte schon die Matura in der Tasche und wäre wahrscheinlich schon voll im Studium. Ich suchte mir das alles so nicht aus! Warum zur Hölle musste ich nun hier sein? Und warum um alles in der Welt war SIE auch hier? Diese junge Frau mit den langen Locken und dem wilden Blick, der eine tief fühlende, weise Seele verbarg. Jetzt sind wir in einigen Kursen gemeinsam in einer Klasse und genau heute hielt sie einen Vortrag über Schizophrenie und andere geistige Abnormitäten. Uff, dass man von der Vergangenheit nicht davon laufen konnte, war mir bereits klar gewesen. Aber hätte ich nicht wenigstens einen kleinen Vorsprung bekommen können? Offensichtlich nicht.

Sie kam näher und als sie mich erblickte, begann sie zu lächeln. Es berührte mich sofort. Wer war diese Frau nur? Sie suchte meine Nähe und schon während ihres Vortrags über die multiple Persönlichkeitsstörung ließ sie mich nicht aus den Augen.

Wusste sie etwas? Nein, woher? Wir kannten uns nicht und sie kannte niemanden aus meinem Umfeld, oder doch? Okay, bloß nicht paranoid werden hier. Reicht schon.

“Hey! Na alles okay bei dir?”“Ja, danke und selbst?”, meine Antwort presste ich nur irgendwie hervor. Warum wurde ich plötzlich nervös? Sie lächelte wieder, aber diesmal verhaltene. “Ich hatte den Eindruck, du konntest mit den Themen heute mehr anfangen, als andere. Besonders mit den multiplen Persönlichkeitsstrukturen. Dein Feedback tat gut, danke.” Es war mir nicht bewusst, dass ich ein außerordentliches Feedback gab.Wenn sie wüsste wie sehr mich dieses Thema betraf und vor allem in welchem Kontext. Davonlaufen würde sie.

Sie: “Können wir Nummern austauschen bitte? Ich würde echt gern öfter mit dir plaudern.”

Okay, das mit dem Davonlaufen würde wohl nichts werden. Für keinen von uns.

© Julia Linzner 2021-04-04

Geschichten aus dem Leben Liebe anders.

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