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#geburtstag#weihnachtszauber#stillenachtheiligenacht

Holy night

  • 2312
Holy night | story.one

Mit „Driving home for Christmas“ im Ohr stieg M in die U-Bahn. Es war reine Selbstfolter, von wegen driving home und see those faces again. Sie musste arbeiten, Spätschicht auf der Intensiv, wenn sie Glück hatte, gab es noch Lebkuchen im Schwesternzimmer. Wenn man Single war, bekam man immer den Heiligabend reingedrückt, dann war der 25. gleich mit hinüber. Vielen Dank auch. Sie hätte lieber im Stau gestanden und die verbrannte Gans ihrer Mutter gegessen, als in dieser heiligen Nacht arbeiten zu müssen. Aber irgendwer musste ja…

Die U-Bahn war gut besetzt: die letzten Frommen auf dem Weg zur Kirche, die Späten auf dem Weg zur Familie, die Traurigen auf dem Weg in die Kneipe. Glanzlose Gesichter, Handybildschirme, kaltes Licht und abgestandene Luft. Wie konnten alle so bedrückt sein? M machte einen Versuch und lächelte der Frau gegenüber zu. Die schaute weg. Das war ja klar, dachte sich M, darf ich vorstellen? Krankenschwester, einsam und hoffnungslos romantisch. Was hatte sie sich gedacht? Weihnachten änderte nichts, die Welt war kalt, Heiligenscheine und Sterne längst ausgestorben und das Christfest ein Vorwand, um viel und fettig essen zu können. Sie drückte auf Wiederholen, „I'm driving home…“

"Die Fruchtblase!“, schrie jemand, und dann: „Ein Arzt! Wir brauchen einen Arzt!“

Es gab keinen Arzt in der U-Bahn. Es gab M und zwei andere Krankenschwestern, eine davon noch in der Ausbildung. Sie hatte große, ängstliche Augen und sprach auf Arabisch mit der Schwangeren, der Mann raufte sich die Haare. „Am nächsten Bahnhof steigen wir aus und fahren ins Krankenhaus“, beruhigte ihn M.

Zu fünft stiegen sie aus, die Wehen kamen nun kürzer. Es war das erste Kind, sie waren zum zweiten Mal auf dem Weg zum Krankenhaus, denn das erste Mal waren sie weggeschickt worden, weil man dachte, es würde noch dauern. In der U-Bahn hatte M das auch gedacht. Jetzt sah sie, dass es nicht mehr dauern würde. Die Frau wurde blass, die Wehen stärker. „Hier“, sagte M und öffnete die Tür einer winzigen Döner-Bude. Der Mann hinter der Theke sprang auf. „Stehtische raus, heißes Wasser und Handtücher her und einen Notarzt rufen“, sagte M, und dann ging alles sehr schnell. Die Schwesternschülerin übersetzte, was M sagte und tat: Bauch abtasten, Muttermund fühlen, Herztöne hören. In der Bude war es warm, der Ehemann so blass wie seine Frau, der Döner-Mann, ein Italiener, stellte den Spieß ab, wegen des heißen Fettes. Aus dem Radio drang Weihnachtsmusik, die Frau schrie und M und die andere Schwester halfen ihr beim Atmen.

Und dann wurde das Kind geboren: Ein Wunder, rot und zerknittert, mit Blut und Schmerzen und „O du fröhliche“ aus dem Radio. Sie hatten keine Handtücher, deswegen verschenkte der Döner-Mann ein sauberes Sweatshirt und M ihren Schal. Der Italiener rief aus dem Fenster: „Ich verkündige euch große Freude!“ Die Eltern weinten ein wenig, und als die Notärztin kam, ging M unbemerkt. Sie würde zu spät kommen, aber auf der Straße sangen Leute: „O holy night!“

© Katharina Deppermann 2021-12-14

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