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#drama#kommunikation#mutmacherei

Drama und Erkenntnis

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Drama und Erkenntnis | story.one

Ich höre eine Eckart-Tolle-Vortragsreihe. Es geht um den Schmerzkörper und wie wir ihn nähren. Tolle sagt, wenn wir ihn wandeln und auflösen ersparen wir uns die täglichen Dramen.

Mir fällt ein solches selbst inszeniertes Drama ein: Es ist Sommer 1993 in Berlin, ein heißer und trockener Abend. Die Stadt, das Land, befindet sich noch im Umbruch. Die Wende ist erst kurze Zeit vorbei. In den Hackeschen Höfen läuft seit Wochen „Die Legende von Paul und Paula“.

Endlich haben mein Freund und ich es geschafft, uns dort zu verabreden. Es ist Mittwoch. Am Donnerstag wechselt das Kinoprogramm. Ich stehe dort und warte. Der Hackesche Markt bietet Abwechslung mit seinem Treiben, trotzdem rotieren meine Gedanken: „Jedes Mal kommt er zu spät. Wir schaffen es wieder nicht. Die Plätze werden alle besetzt sein. Wo ist er nur wieder hängen geblieben? Als Student hat er doch Zeit! Wer weiß wann dieser Film das nächste Mal in irgendeinem Kino läuft.“

Endlos geht es in meinem Kopf so weiter. Als er lächelnd aus der Straßenbahn steigt, kippe ich erst einmal meinen ganzen Frust über ihm aus. Da steht er vor mir mit traurigem Blick, hängenden Schultern und fragt nur: „Willst Du noch reingehen?“

Wir gehen noch rein. Im Kinosaal gähnende Leere. Der Film hat schon begonnen. Wir haben die besten Plätze. Nach dem Film sind wir uns wieder gut.

Was lag unter der Wut? Die Angst etwas zu verpassen? Der Film lief noch wochenlang im Kino, weil er so beliebt war. Die Angst verlassen worden zu sein?

‘Wenn er später als verabredet da ist, bin ich ängstlich- wütend - frustriert- unsicher. Mir fehlen Vertrauen, Sicherheit, Wertschätzung und Respekt. Ich bitte mich, die Ruhe zu behalten, nach dem Grund der Verspätung zu fragen.' - Diese Selbsteinfühlung und diese Bitte an mich selbst sind erst Jahre später möglich.

Es gab ähnliche Vorfälle. Die neben mir beteiligten Protagonisten wechselten. Später kehrten sich die Rollen um. Dank Gewaltfreier Kommunikation nach M.B. Rosenberg war ich immer seltener wütend und gestattete mir selbst, meine Wege zu gehen ohne zu hetzen. Nun kam ich „zu spät“.

Was ging wohl in ihm vor? Vielleicht dieses: ‘Wenn ich später als verabredet da bin, bin ich traurig - erschöpft - resigniert, weil mir Toleranz, Wohlwollen und Akzeptanz fehlen. Ich bitte mich selbst um Vergebung und die Kraft, mit ihr darüber zu sprechen.'

Fragen kann ich ihn nicht mehr. Denkbar ist auch, dass er dieses dachte und fühlte: ‘Wenn ich später als verabredet da bin, bin ich froh, es überhaupt geschafft zu haben. Ich freue mich auf den Abend, weil er von Gemeinschaft, Kommunikation und Geborgenheit erfüllt ist. Ich bitte mich, ihr das zu sagen.'

Da sitze ich fast dreißig Jahre später und spreche aus, wie leid es mir tut. Ich bitte diesen jungen Mann, der er damals war, in Gedanken um Verzeihung. Ich fühle eine tiefe Liebe zu ihm und danke ihm von Herzen für alles was war.

© Kathrin Schink 2020-04-08

mutmacherDer eigene Rucksack

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