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Paris im Sonnenrausch

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Paris im Sonnenrausch | story.one

Sonnenblumengelb leuchtet das Zimmer. Winzig ist es, direkt unter dem Dach. Ein schmales Fenster lässt Licht herein. Ich schaue über die Dächer von Paris. Spontan habe ich mich entschlossen mit einer Freundin an diesem verlängerten Aprilwochenende im Jahr 2008 in die französische Hauptstadt zu reisen. Sie organisiert. Ich fahre mit, ohne zu maulen – versprochen.

Die Sonnenblumen an den Wänden unseres Zimmers leuchten ebenso wie die Sonne. Die graue Stadt Berlin haben wir vor einigen Stunden hinter uns gelassen. Wir schieben das Gepäck in eine Ecke und sind sofort wieder unten: Paris ist im Sonnenrausch und wir rauschen los. Notre Dame, Sacré-Cœur und Louvre sind unsere Stationen dieser 3 Tage. Wir betreten kein einziges dieser Gebäude. Von außen wirken sie auf uns. Wir umrunden sie und baden unter strahlend blauem Himmel in der Sonne. Die Seine ist uns Begleiter und Wegweiser zugleich.

Eine Einkaufstour ist angesetzt. Wundersam bunte Kleidungsstücke landen in meinen Einkaufstüten, dann im Koffer, später an mir. Eine Farbpalette, die ich bisher nie trug, hat bei mir Einzug gehalten. Die Krönung ist eine neue Brille mit leuchtend orangefarbenen Bügeln. Alle werden mich lange begleiten und Erinnerung an Paris im Sonnenrausch sein. Selbst der Kaschmirschal in Regenbogenfarben, der bald in eine Wäsche gerät, die ihn schrumpfen lässt, darf bleiben.

Wir schlendern außen um die Sacré-Cœur. Zahlreiche Künstler bieten hier ihre Werke an. Zwei muss ich einfach mitnehmen. Wunderbar filigran muten die Bleistiftzeichnungen an. Fast scheint jedes Detail abgebildet. Wie oft hat er dieses Motiv schon gezeichnet? Es scheint mir fast mit dem fernöstlichen Weg zur Meisterschaft vergleichbar. Unendliche Wiederholungen des ewig Gleichen formen die Struktur in Körper und Hirn, die zu dem Zustand führen, wo das Qi den Körper bewegt und der Flow einsetzt.

Über einen Flohmarkt führt uns der Weg. Ich suche nach Werken eines japanischen Arztes, der die Lehre von der Makrobiotik begründete. Er lebte einige Jahre in Frankreich, publizierte hier und liebte dem Vernehmen nach französischen Rotwein und gute Zigarren. Natürlich weiß ich, dass er durchaus umstritten war. Die heftige Reaktion eines Verkäufers setzt mich jedoch in höchstes Erstaunen. Fast scheint es ein Verbrechen zu sein, den Namen zu erwähnen, dessen Träger 1966 starb. Wir ergreifen schleunigst die Flucht.

Weder ist mir in Erinnerung, ob wir in Restaurants aßen, noch was wir überhaupt zu uns nahmen. Zu intensiv waren die Eindrücke, zu stark das Erleben. Nichts treibt mich heute mehr dorthin. Es fühlt sich an, als hätte ich alles gesehen, was für mich dort wichtig war – Paris im Sonnenrausch.

© Kathrin Schink 2021-02-05

Reisen

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