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#vertrauen#buddha#schreibtisch

Stell dir vor

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Stell dir vor | story.one

Da sitzt er und lächelt leise. Immer wieder schauen wir uns an. Eine Tuschmalerei neben ihm. Pflanzen ringsumher. Der Drachenbaum Eckbert mit Gefährten und ein blühender Blattkaktus lassen den Eindruck entstehen, er säße in einem Hain.

Ich wende mich den Unterlagen zu, die auf meinem Schreibtisch liegen. Ich lese, überlege, sortiere, schreibe. Das leise Rauschen und Gluckern der Heizung hüllt mich ein, einem Bächlein gleich. Der Fußboden knackt und knarrt gelegentlich. Ich schaue hoch. Wir lächeln uns an.

Still sitzt er da. Ruhe strahlt er aus, mein „Buddha im Bambushain". In den Händen hält er die Herzen der Lieben. Er hat mich gefunden und ist geblieben. Ob ich an ihn glaube, ist ihm egal. Er will nicht entscheiden, ob die „Buddha-Natur in jedem Menschen", das „Christus in Euch", das „Allah sei mit dir" oder das „Einssein mit dem Universum” verschiedene Dinge bezeichnen. Wir schauen uns an und lächeln.

Ich schaue „Imagine“ von John Lennon. Dieses Video, das ich zum ersten Mal sehe, lässt mich verzaubert zurück. Das Wetter ist so, wie das heute vor meinem Fenster, grau und neblig. Ein Paar, dass es so nicht mehr gibt, das Geschichte schrieb, das Menschen erreichte, singt für mich, wie aus einer längst vergangenen Zeit. Eine Flügeltür nach dem anderen öffnet sie, immer mehr Licht strömt in den zuvor dunklen Raum. Der Song vermittelt Hoffnung auch nach diesen vielen Jahren und lässt mich auch mit diesen Fragen zurück: Wo stehen wir heute? Reicht Imagination alleine aus? Leben wir frei von Ländergrenzen und Religionen? Leben alle Menschen in Frieden miteinander? Sind wir frei von Hass und Zwang?

Manche davon kann ich, aus meiner Perspektive, sofort beantworten: Vorstellung allein wird wohl nicht reichen. Tun oder eben auch Nicht-Tun, als Ergebnis einer bewussten Entscheidung, ist erforderlich. Von Freiheit von Ländergrenzen und Religionen kann keine Rede sein. Viel wichtiger scheint mir jedoch die Freiheit von inneren Beschränkungen und der Beschränkung des Gegenübers, damit Begegnung auf Augenhöhe und liebevolles Miteinander möglich sind.

Die anderen Fragen bedürfen des Austausches mit Menschen und werden vielleicht keine Einigkeit, sondern nur ein Zweinigen zulassen.

Meine Finger gleiten schreibend über die Tastatur. Gedanken formen sich. Worte fließen. Ich hebe den Blick. Sein Lächeln verbindet uns.

© Kathrin Schink 2020-05-09

mutmacher

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