skip to main content

#entwicklung#mutmacher#werdenundvergehen

Web deinen Gobelin

  • 70
Web deinen Gobelin | story.one

In alten Gemäuern begegneten sie mir: riesige Wandteppiche mit Bildern, ganzen Geschichten und sich wiederholende Muster. Ich war fasziniert und überwältigt. Kampfgetümmel, zarte Liebesromanzen, Florales oder sich Durchdringendes, Umschlingendes bot sich mir dar.

Im Laufe meiner Reisen sind mir immer wieder, die großen und kleinen Gewirke mit Wiederholungen begegnet. In der Mitte prangt meist ein Bild. Drumherum reihen sich Muster. Manchmal ist es ein bedeutendes, das sich in großen Abständen wiederholt und spiegelt. Oft sind es kleine Muster, die sich ihrerseits zu einem größeren verweben, als feingliedriges ebenmäßiges Ornamentalband präsentieren.

Inzwischen bin ich geneigt, diese Eindrücke der Ähnlichkeiten bzw. Muster wahrzunehmen. So ist mein eigener Gobelin von Suchen und Finden gekennzeichnet. Seit meinem Erwachsenwerden gibt es etwa einen 5-Jahres-Rhythmus für eine Wiederholung auf der darüber liegenden Spiralebene.

Auf anderen Gobelins habe ich das Gefundenwerden entdeckt. Dort kommt die Initiative für Beziehung, Jobwechsel und nahezu jede Art von Veränderung von außen. Häufig wird sie als Zwang empfunden und hinterlässt unter Umständen ein Loch im Gewirk, das die Frage nach Wirksamkeit stellt. Wird der Betreffende das Loch einfach offen lassen? Konservierend oder zu weiterer Beschädigung freigegeben? Wird der Mensch in der Lage sein, ggf. mit Unterstützung, den Schaden zu beheben, dass die Funktionalität wieder vorhanden ist? Wird durch und um das Loch ein Veränderungsprozess angestoßen, der die Gesamtwirkung des Gobelins bereichert und zum Leuchten bringt?

Wer kennt nicht zwischenmenschliche Beziehungen, die dem immer gleichen Muster folgen? Dies mag dazu führen, dass sogar das Äußere des nachfolgend Gewählten in der Anmutung dem Vorigen sehr ähnlich ist. Ist dies befriedigend und bereichernd, steht einer weiteren Wiederholung nichts im Wege, wird sogar als angenehm empfunden. Anders, wenn das Ende schmerzhaft ist. Oder?

Reicht der Antrieb nach einer schmerzhaften Erfahrung aus, um nach einer anderen Strategie Ausschau zu halten? Oder sind die Muster so formstabil, dass nach kurzem Innehalten eine neue Wiederholung daran gewebt wird? Wurde ein ständig schmerzhafter Beziehungsabriss in der vorbewussten Zeit als der Normalzustand gespeichert?

Mir berichtete jemand, dass für ihn der Weg auf diese Welt ein schwerer war. Das zarte Leben war bedroht. Dies führte zu einer Trennung von der Mutter. Später wiederholte sich sowohl Lebensbedrohliches als auch Trennungssituationen. Die Frauen sahen sich so ähnlich, dass sie in der Öffentlichkeit miteinander verwechselt wurden. Eines Tages reifte die Erkenntnis, dass es nützlich wäre frei am eigenen Gobelin zu wirken, mit fachkundiger Unterstützung. Die Muster ändern sich. Das Hauptbild bleibt ein starkes. Feineres durchdringt die düsteren Ränder. Helle Farben erscheinen.

© Kathrin Schink 2020-11-10

mutmacherschuledeslebens

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.