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#kommunikation#leben#mutmacher

Wir fahren nach Jerusalem

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Wir fahren nach Jerusalem | story.one

„Wir fahren nach Jerusalem und wer will mit?“, so hieß es zu meinen Kindertagen. Ich hatte keine Ahnung, wo Jerusalem liegt. Wir hätten auch nach Hangelsberg fahren können. In jedem Fall war es ein lustiges Spiel. Später in der Schule lernte ich wo Jerusalem liegt. Ich las zahlreiche historische Bücher und Romane, erfuhr von Pilgern und Kreuzfahrern, hielt alles für Geschichte.

2014 schallte es real: „Wir fahren nach Jerusalem und wer will mit?“ Über die Christengemeinschaft wurde eine Reise in diese Stadt angeboten. Und ich wollte mit.

Reiseführer, Stadtplan, Literatur, geeignete Kleidung, Vorbesprechungen in der reisenden Gemeinschaft – die Vorfreude stieg an. Allerdings stieg auch die Anzahl der Meldungen über (drohende) Unruhen. Die ersten Airlines begannen Flüge zu streichen. Es blieb ungewiss bis zum Abflugtag, dann die Information: Lufthansa und Aeroflot fliegen noch. Wir hatten bei der Lufthansa gebucht.

Also ab zum Flughafen, Treffen mit unserer Gruppe, einchecken und los. Der Flug und die Ankunft verliefen reibungslos. Wir wurden von einem freundlichen Führer empfangen und zu unserem Quartier, mitten in der Altstadt, begleitet. Es war ein ehemaliges Hospiz, das heute noch von Christen betrieben wird. Schlicht, klar und sauber – meine Bedürfnisse waren vollauf erfüllt. Der Blick über die Dächer Jerusalems war atemberaubend. Im Hof unseres Quartieres stand ein Feigenbaum und wahrlich: Wir durften davon essen! Es waren warme Feigen, saftig und von milder Süße.

Nach erfolgter Sicherheitsbelehrung über potenzielle Diebe, Verhandlungstechniken der Händler, individueller Preisgestaltung auch in offiziellen Bereichen und empfehlenswerter Bekleidung, starteten wir zu einer ersten abendlichen Erkundung der Umgebung.

Überwältigend waren die einsetzenden Rufe der Muezzine. Jeder begann etwas zeitversetzt zum anderen. Es entstand eine berauschende Überlagerung von Klängen. Auffällig war, dass die Stadt, anders als in den Reiseführern und von Reiseführern verkündet, sehr leer wirkte. Wir konnten in den schmalen Gassen des arabischen Viertels ungehindert spazieren. Vom angekündigten Gedränge gab es keine Spur. Die Händler stürzten sich auf uns.

Ein sehr hochgewachsener Araber sprach uns in allen erdenklichen Sprachen an, um uns in sein Café einzuladen. Wir mochten ihn auf Anhieb und ließen uns dort nieder. Arabischer Mocca, Tee um Tote aufzuwecken und Saft aus frischen Granatäpfel ließen uns verweilen. Derweil beobachten wir unseren Gastgeber: Jede sich Annähernde begrüßte er auf die gleiche gewinnende Art. Sichtlich genoss er den Einblick in die Ausschnitte russischer Touristinnen. Sein Blick versenkte sich wohlig, während er seine Getränke anpries. Ein wenig folgte er ihnen und nun, über die Schulter der Nicht-Gästinnen, behielt er Einblick, bis sie entschwanden.

Dieser Vorgang wiederholte sich unzählige Male und wir kehrten täglich mit einem Schmunzeln wieder bei ihm ein.

© Kathrin Schink 2020-04-26

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