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Die geheimnisvolle Meerjungfrau

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Die geheimnisvolle Meerjungfrau | story.one

Anfangs war mir das kleine Bild nicht aufgefallen. Es hing in meinem Zimmer in der Neustiftgasse, wo ich während des Studiums zur Untermiete wohnte. Das Motiv war eine Gruppe um eine glitschige Meerjungfrau, die lasziv auf einem Felsen in der graublauen Brandung döste. Ein schlichter Druck, jedoch fachmännisch gerahmt, wobei mir auffiel, dass auf der Rückseite etwas mit Bleistift geschrieben stand. Die Schrift war kaum leserlich und zudem kurrent, jedoch anscheinend englisch und das ergab für mich überhaupt keinen Sinn. In meinen ersten Tagen fielen mir im Zimmer weitere Sonderbarkeiten auf: So gab es ein kleines 110 Volt Röhren-Radio der US-Marke Emerson, das mit einem bedenklich wirkenden Trafo betrieben wurde und bei der Liege zeigte ein Gobelin-Wandbehang anscheinend eine Bostoner Hafenszene mit Segelschiffen.

Ich sprach meine 80jährihge Zimmerwirtin darauf an. Sie freute sich über mein Interesse und erzählte freimütig aus ihrem Leben. Sie hatte nie geheiratet, sondern gleich nach der Handelsakademie im Büro der US-Gesandtschaft angefangen und dürfte dort im Laufe der Zeit eine gute Position gehabt haben. An der Wand ihres Zimmers hing eine alte gerahmte Fotografie mit einer bildschönen Frau im Stil der 30er Jahre. Ich vermutete es handle sich um den Hollywood-Star Jean Simmons, doch als ich fragte, lächelte sie und sagte „Nein, junger Mann, so hab ich einmal ausgesehen.“

„Und das Radio, der Gobelin und das kleine Bild in meinem Zimmer?“ „Das sind alles Dinge, die einem US-Soldaten gehört haben, der während der Besatzungszeit bei mir gewohnt hat.“ Sie hatten einander in der wiedereröffneten Gesandtschaft kennengelernt und offensichtlich sehr gut verstanden. Der Bezirk Neubau befand sich überdies im amerikanischen Sektor und da war naheliegend gewesen, dass er zwar nicht offiziell, jedoch praktisch sehr wohl in ihrer Wohnung in der Neustiftgasse wohnte. Zur Ehe konnten sich aber beide nicht entschließen, und bei Ende der Besatzungszeit trennten sie sich einvernehmlich. Das Radio, der Gobelin und das kleine Bild ließ er zurück.

„Und darf ich wissen, was auf der Rückseite des Bildes steht?“ Die alte Dame setzte ihre Brille auf und schaute genau. Dann lächelte sie leise und sagte „Nein, das kann ich nicht sagen“.

Damit ist aber die Geschichte der Merkwürdigkeiten nicht zu Ende. Drei Jahre später entschloss sich die alte Dame, ins Altersheim zu gehen, ich zog zu meiner Freundin und der Haushalt wurde aufgelöst.

Jahre später ging im Institut, wo ich arbeitete, eine liebe Kollegin in den Ruhestand. Man sammelte für ein Abschiedsgeschenk, wobei ein kleiner Betrag übrigblieb. Die Kollegin, die sich um die Abschiedsfeier, kümmerte, sah bei einem Antiquitätenhändler in Institutsnähe ein Bild, das sie vom Restgeld kaufte, da sie den ausgefallenen Geschmack der angehenden Pensionistin kannte.

Ich staunte nicht schlecht: Es war das geheimnisvolle kleine Bild aus meinem alten Untermietzimmer.

© Klaus Schedler 2021-02-23

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