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#revolution#patriarchat#brust

Obenrum frei

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Obenrum frei | story.one

Ich bin angeschnallt, verkünde ich. Tittigefängnis, meint meine Freundin. Sexy, urteilt die Gesellschaft und der vertraue ich mal. So wie ich in der Mittelstufe den Mädchen in der Umkleidekabine vor dem Turnen vertraut habe. Die Sportstunden lieferten in puncto Lebensweise zwei wesentliche wie erschreckende Erkenntnisse: 1. Wir rasieren uns von jetzt an die nackten Beine und 2. Wir verstecken jetzt das bisschen Brust, das schon da ist.Weil man in der Pubertät aber generell mit Leben und Erwartungen überfordert ist, habe ich das einzig logische getan und mir ein altes Bustier von meiner Mama geben lassen. Das Ding war komplett ausgeleiert, ausgewaschen und zu mindestens 99 Prozent aus Elasthan, hat aber gereicht, um in der Kabine mit einem sinnlosen Stück Stoff am Oberkörper zu flexen. Mein erster BH. Happy Birthday.

Wenige Jahre später sitze ich mit einer Nagelschere in meinem Zimmer, die Bügel aus frisch erworbenen C&A BHs schnippelnd, weil die bügellosen aus irgendeinem nonsense Grund das doppelte kosten sollten. Ausgeschnitten sehen die kleinen Metallschienen nach exakt den Foltergeräten aus, nach denen sie sich am Brustkorb anfühlen.

Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um über die Vorzüge von Büstenhaltern zu sprechen, aber andererseits sind die jedem Menschen mit Brüsten sowieso bewusst. Das Problem ist nicht ein Stück Unterwäsche, sondern die gesellschaftlichen Erwartungen daran und der Zwang, der sich für all jene Menschen ergibt, die im Alltag lieber darauf verzichten würden und das eigentlich auch könnten.

Die sind dann aber vielleicht verunsichert, wenn sich irgendwelche Typen allein an der Routine, mit der sich Menschen in einem nicht-sexuellen, alltäglichen Setting ihren BH öffnen, aufgeilen. Dude, wir verkaufen schon U10-Jährigen Bikinioberteile, um sie an ihren Platz in der Welt zu erinnern, und du bist erstaunt, dass eine Ü30 Jährige am Strand ihren BH mit einer Hand lösen kann?

Man kann jetzt argumentieren, dass die Brust eben sexualisiert ist, aber so einfach ist es nicht. Denn so ein Büstenhalter soll die Brüste ja nicht nur stützen und na ja halten, sondern eben irgendwie auch in Form bringen. Also in eine gesellschaftlich akzeptablere Form als die natürliche. Ich meine, wer stand nicht schon mit ohne unterm Shirt vor dem Spiegel, die Augen fest auf das Gehänge gerichtet und bitter erkennend, dass die Brüste komisch aussehen. Ja, blöd. Gravity is a thing, auch wenn diverse Frauenzeitschriften uns unzählige Vermeidungsstrategien verkaufen wollen. Das hängt halt, immer noch besser, als wenn es steil in die Luft steigt. Und wenn man jetzt so rausgeht, werden alle dumm schauen. Na ja big News: Das Patriarchat glotzt sowieso auf deine Brüste, egal ob angeschnallt oder nicht. So viel Pragmatismus darf auch sein.

Aber bitte fang jetzt nicht von ausgeleierten Busen an. Ein Wort, das Mamas alten Bustierfetzen beschreibt, ist definitiv nicht die Charakterisierung meiner Brüste wert.

© kleinschreibung 2021-06-11

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