skip to main content

31

  • 317
31 | story.one

“Es ist nur eine Zahl”, sagst du vielleicht. Und ja, es ist nur eine Zahl. Doch wenn man dem Tod schon mal ins Auge gesehen hat, dann ist es mehr als eine Zahl.

Dann ist es Freude und tiefe Dankbarkeit, dass man die 31 (hoffentlich, noch ist es ja noch nicht ganz so weit) noch erleben darf.

Heute am Morgen wache ich auf und stelle fest, es ist Ostern. Obwohl ich der katholischen Kirche schon vor vielen Jahren den Rücken gekehrt habe, glaube ich doch an etwas Höheres. Katholizismus und Glauben, nämlich sind für mich zwei Paar Schuhe.

Ein grüner Olivenzweig, gestern am Markt gekauft, ziert den Frühstückstisch. Grün ist für mich die Farbe der Hoffnung und des Neubeginns. Die Farbe des Lebens.

Mir wird bewusst, es ist der letzte Tag in meinem Leben, an dem ich 30 sagen kann, wenn mich wer nach meinem Alter fragt, was eh niemand getan hat, bis jetzt. Trotzdem!

Was willst du tun am letzten Tag deines 30. Lebensjahres frage ich mich, und kurze Zeit später gehe ich den Berg hinauf. Die Skier zeitweise auf den Schulten, weil zu wenig Schnee. Macht aber nichts!

Und während ich so dahingehe, zeitweise in den Skiern und zeitweise die Skier auf meiner Schulter, überlege ich, ob ich irgendetwas verpasst hätte in meinem Leben, würde ich morgen nicht meinen Geburtstag, sondern meinen Todestag “feiern”. Und ich komme zu dem Entschluss, nein, ich hätte nichts verpasst.

Zwar bin ich nicht in Barcelona gewesen. Da will ich schon so lange hin, doch habe ich mein Leben gelebt. Ich habe falsch aber mit umso mehr Begeisterung Lieder gesungen, mein Herz auf der Zunge getragen, mich den Aufgaben des Lebens gestellt, und meine Chance genützt.

Ich bin gestolpert und wieder aufgestanden und habe über mich selbst gelacht. Was bitte gibt es Schöneres als Lachen, für mich nicht viel. Und freilich meine ich kein Auslachen.

Ich habe verletzt, und ich wurde verletzt. Mir wurde verziehen und ich habe verziehen. Ich bin barfuß im Winter durch den Schnee gelaufen und ich habe gespürt. Mich und das Leben.

Ich habe umarmt und wurde umarmt. Ich habe geliebt und wurde geliebt. Und mit meinen fast 31 Jahren liebe ich mich selbst, immer mehr. Schließlich muss ich mit mir selbst auskommen, hoffentlich nicht nur heute, sondern auch noch morgen. Daran glaube ich ganz fest und berühre ganz sanft die Blätter des Olivenzweiges. Weil Grün doch die Farbe des Lebens ist.

© Kristina Fenninger 2021-04-04

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.