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Barfuß

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Barfuß | story.one

Ich spürte den harten, warmen Boden unter meinen nackten Füßen. Ob ich nicht Angst habe, dass mir jemand auf meine Füße springt, fragte mich ein anderer Konzertbesucher. Nein, hatte ich nicht! Die Getränke wurden in Plastikbechern ausgeschenkt. Deshalb beschloss ich, barfuß zu gehen. Wie ich das liebe! Während ich in der langen Schlange anstand, um etwas zum Essen zu ergattern, schrieb ich eine WhatsApp Nachricht an meinen Freund. Der Inhalt lautete: ,,Es ist so schön, barfuß zu gehen." Ich fotografierte meinen Fuß und änderte mein Profilbild. Am Abend, als ich meine Füße wusch, färbte sich der Schaum ganz dunkel. Wie schön! Ich habe das pure Leben gespürt, dachte ich mir. Wie sehr genieße ich es, ohne Schuhe über die frisch gemähte Wiese zu gehen. Wenn ich dann wieder in Socken und Schuhe steige, fühlt es sich an, als wäre ich gerade bei der Fußpflege gewesen. Klar, wenn man dabei in Hundekacke tritt, ist das nicht so angenehm, aber nichts, was man nicht leicht wieder bereinigen kann. Gerne stecke ich meine Füße in den warmen, matschigen Waldboden und grabe sie ganz fest darin ein. Oder in kleine Kieselsteine. Oder ich plantsche mit meinen Beinen im kalten Wasser eines Baches oder Flusses. Danach fühle ich mich erfrischt und abgekühlt, beinah wie neu geboren. Die Hornhaut ist ein Zeichen dafür, dass ich mich auch über Steine und Teer spazieren gehen trau. Ach, wie habe ich das alles vermisst im letzten Jahr, als ich nicht mal schuhlos in meinem eigenen Haus gehen durfte, weil es mein Immunsystem vielleicht nicht verkraftet hätte.

© Kristina Fenninger 2019-06-10

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