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#vonderseeleschreiben

Canasta

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Canasta | story.one

Zwei Herren gefangen in ihren kranken Körpern. Einer jung, der andere alt. Zwei Betten. Ein Zimmer.

Der Sommerregen prasselt an das Fenster. Es ist Sonntag, der Tag, an dem die Freunde des jungen Mannes Zeit hÀtten, ihn zu besuchen. Doch er will keinen Besuch. Er will so nicht gesehen werden.

Der Alte wĂŒrde gerne Besuch bekommen, doch er hat niemanden mehr, der ihn besuchen könnte. Die Freunde tot, die Kinder verstreut auf der Welt.

So sehr sich die beiden Herren auch bemĂŒhen, ins GesprĂ€ch zu kommen, es mag ihnen nicht gelingen. Zu unterschiedlich sind sie. Das einzige, das die beiden eint, ist, dass sie von Frauen trĂ€umen. Der Alte von lĂ€ngst vergangenen Liebschaften und der Junge von MĂ€dchen die er gerne hĂ€tte. Er hat die Hoffnung nicht aufgeben, sie eines Tages zu bekommen.

Eines Nachmittags sucht der Alte in seinem zerschlissenen und von der Sonne ausgebleichten braunen Lederkoffer sein Notizbuch. Er ist Dichter und möchte seine Gedanken niederschreiben. Er kann es nicht finden. So zerstreut wie er ist, hat er es bestimmt im CafĂ©haus liegen gelassen. Stattdessen zieht er vergilbte, abgegriffen Spielkarten hervor. Ein LĂ€cheln huscht ihm ĂŒber sein Gesicht. Im Urlaub auf Rhodos hatte er mit Maria, seiner Frau, stundenlang manchmal sogar bis in die Nacht hinein bei Rotwein und Kerzenschein gespielt. Das ist jetzt drei Jahre her. Seither hatte er die Karten nicht mehr in der Hand gehabt. Vergessen hatte er sie in seinem Koffer. Kurz nachdem sie aus Griechenland zurĂŒckgekehrt waren, starb Maria und somit auch seine einzige SpielgefĂ€hrtin.

“Spielst du Canasta?”, fragt der Alte den Jungen. Und ob er das spielt und wie gerne er das tut. Es gibt mehrere Arten, wie man das Spiel spielen kann. Schnell werden die wichtigsten Punkte geklĂ€rt, und schon geht es los. Schweigend aber voller Leidenschaft. Die Karten schnalzen nur so. Die Punkte des jeweiligen Spielers werden am Ende einer Partie immer laut gesagt, bevor der Alte sie aufschreibt.

Als der Junge das Krankenhaus verlassen darf, tauschen sie ihre Nummern aus. So kommt es, dass die beiden seit 2,5 Jahren jede Woche am Sonntagnachmittag, immer begleitet von einer guten teuren Flasche Rotwein, Canasta spielen. Fast ohne Worte. In aller Stille. FĂŒr beide ist es ein wichtiges Ritual geworden. Ihre Therapie. FĂŒr einige Stunden vergessen sie alles, sogar ihren Weltschmerz.

Eines Sonntags schenkt der Alte dem Jungen einen Korb. “Wusstest du, dass Canasta das spanische Wort fĂŒr Korb ist?”, fragte er ihn. Er wusste es nicht.

Und es dauert nicht mehr lange, bis der Junge allwöchentlich am Samstag im WeingeschÀft einen guten Tropfen kauft. Heimtragen tut er sie immer im Korb des Alten. Sonntags sitzt er jetzt allein am Tisch und schreibt seinen Schmerz in Form von Gedichten nieder. Seine Möglichkeit mit dem Weltschmerz umzugehen. Manchmal beschreibt er in seinen Gedichten auch Frauen. Frauen, die er nie bekommt, bis eines Tages dann doch eine bei ihm anklopft. Aber die, die will er nicht.

© Kristina Fenninger 2021-07-18

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