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#schulgschichtn

Der kleine Franz

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Der kleine Franz | story.one

Oft bekam der kleine Franz einen Brief mit nach Hause. Von der Frau Lehrerin. Es handelte sich um Einladungen für seine Mama. Aber nicht solche, über die man sich freute. Nein, ganz und gar nicht. Die Mutter hätte sehr gut darauf verzichten können. Machte es ihr nun wirklich so ganz und gar keinen Spaß sich immer wieder anhören zu müssen, was der kleine Franz angestellt hatte. Nicht nur einmal klebte er den Mädchen Kaugummis in ihre langen, blonden Zöpfe. Aus Neid, weil er selbst immer nur Wasser mitbekam, spuckte er in den gesüßten Tee von Hans, seinem Mitschüler. Gerne machte er die Kreide nass, bevor die Frau Lehrerin ins Klassenzimmer kam und freute sich dann über ihre schmutzigen Finger.

Mit einer Engelsgeduld erklärte ihm seine Mama, er soll doch das bitte jetzt endlich lassen. Auch, weil sie Angst hatte, dass bald die Eltern der anderen und die Lehrer nicht mehr bei ihr im Kramer Laden zum Einkaufen kamen. War sie doch so sehr auf ihr Einkommen angewiesen. Nicht zuletzt, weil Franz Vater sich aus dem Staub gemacht hatte. Er hatte die Familie zugunsten einer großbusigen verwitweten Bäuerin aus dem Nachbardorf verlassen. Außerdem machte sie sich Sorgen um ihr Kind. Was bitte soll später mal werden aus ihm?

In den Sommerferien versprach der kleine Franz seiner Mutter hoch und heilig, dass er sich bessern wird. Er war vernünftiger geworden und wollte seiner Mama nicht noch mehr Kummer bereiten, als sie ohnehin schon hatte.

So wich der Spätsommer dem frühen Herbst und Franz kam in die dritte Klasse. Eine junge Frau Lehrerin sollte nun der Klassenvorstand der angehenden Kommunionkinder sein.

Franz konnte nicht glauben, was er sah, als sie das Klassenzimmer zum ersten Mal betrat. Die Kinnlade flog ihm runter, bei ihrem Anblick.

Von nun an ging er sehr gerne in die Schule, arbeitete fleißig mit und erledigte seine Hausaufgaben ordentlich.

In der Adventszeit bekam er einen Brief mit nach Hause. Er konnte nicht verstehen, warum. Die Mama weinte. Sie wollte nicht mehr. Franz konnte so gar nicht verstehen, was er denn nun schon wieder angestellt hatte. Die Mama sagte zu ihm: „Wieso verärgerst du die schöne Lehrerin, wenn sie dir doch so gut gefällt?“ Franz hatte nicht nur einmal seiner Mutter erzählt, wie schön die Frau doch sei. Franz wusste es selbst nicht, was sie wollte.

Schweren Herzens machte sich also die Mutter auf den Weg. Freundlich begrüßte sie die Lehrerin. „Wie kann mein Franz diese schöne und nette Frau nur verärgern?“, dachte sie sich. „Was hat er denn angestellt der Bub?“, fragte sie. „Frau P., ich muss Ihnen sagen, Ihr Kind ist äußerst ungezogen, den ganzen Tag lacht er. Er lacht mich aus. Das gefällt mir so gar nicht.“ Die Mutter erwiderte sehr erleichtert: „Frau Lehrerin, er lacht Sie nicht aus, er lacht Sie an. Er schwärmt mir beinahe täglich vor, dass Sie das schönste Wesen sind, das er kennt.“

Seitdem freute sich die Lehrerin immer, wenn ein Lächeln über den Mund des kleinen Franz huschte. Und das sollte noch recht oft passieren.

© Kristina Fenninger 2019-08-04

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