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Die Geigerin

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Die Geigerin | story.one

Ich schlendere durch die Stadt. Violinen-Musik ertönt die Gasse herauf. Als ich weitergehe, erblicke ich die Künstlerin. Ich schenke ihr ein Lächeln und sie blickt mir tief in die Augen.

Nun mache ich meine Besorgungen. Als ich fertig bin, höre ich sie noch immer leise in der Ferne spielen.

Trotz des kühlen Wetters sind bei einigen Lokalen draußen die Tische gedeckt. Ich suche mir einen netten Platz, wickle mich in die rote Decke und bestelle mir ein kleines Bier. Eigentlich wäre ich jetzt verabredet gewesen, doch meine Freundin ist verhindert. So genieße ich heute das Alleinsein. Schluck für Schluck trinke ich mein Bier, während ich die vorbeigehenden Leute beobachte. Wie lange habe ich das schon nicht mehr gemacht? Viel zu lange! Wüsste ich mich nicht in einem guten sozialen Netzwerk aufgefangen, so würde ich mich jetzt vielleicht einsam fühlen. Doch ich weiß, dass ich eben nicht alleine bin, und so ist es einfach mal schön, Zeit für mich selbst zu haben.

Als ich ausgetrunken habe, wühle ich in meiner Tasche nach meinem Geldbeutel. Beim Kramen ertaste ich das Programmheft von "Die Räuber" von Friedrich Schiller. Es befindet sich ebenfalls noch immer in meiner Tasche. Letzte Woche erst habe ich dieses Stück im Landestheater gesehen. Ich blättere das Heft durch und lese das Zitat "Ich bin mein Himmel und meine Hölle. Diese Freiheit kannst du mir nicht nehmen!" Dieser Satz macht was mit mir. Er berührt mich zutiefst. Ich denke ein wenig darüber nach. Jetzt frage ich mich: Ist nicht jeder Mensch ein eigenes kleines Universum? Sind wir nicht alle mal gut? Mal schlecht? Mal nett? Mal böse? Wobei, was ist schon gut und schlecht? Wer erlaubt sich darüber zu urteilen? Wenn jemand anderen Unrecht tut, will ich das nicht gutheißen. Doch versuche ich zu verstehen, was ihn dazu bewegt, so zu handeln. Vielleicht würde man die Freundlichkeit gar nicht schätzen, wenn immer alle nur nett wären?

Als ich bezahlt habe, schaue ich mir noch einmal die getrocknete lila Artischockenblüte an, welche den Tisch ziert. Ich mag diese Farbe. Würde uns das bunte auch noch auffallen, wenn immer alles so wäre? Würden wir die Sonne schätzen, wenn es immer hell und warm und nicht auch einmal kalt und dunkel wäre?

Ich suche ein paar Münzen und schmeiße sie der Geigerin in den Hut, als ich nun erneut an ihr vorbei gehe. Sie freut sich. Ist das Leben nicht ein Geben und Nehmen?

Vielleicht geht es darum, eine Balance zu finden?

Heute geht es mir gut, und ich bin ausgeglichen. Doch dem ist nicht immer so. Ich akzeptiere das.

Irgendwann höre ich die Künstlerin nicht mehr, ich bin jetzt zu weit weg von ihr. Zuviel Stille mag ich nicht, doch jetzt kann ich sie genießen und die Musik klingt noch immer in mir nach.

© Kristina Fenninger 2020-10-29

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