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#sommerzeit#freunschaft

Ein Sommermärchen

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Ein Sommermärchen | story.one

Der Baum war voller saftig süßer Kirschen. Wir holten eine alte Holzleiter, stellten sie an der Mauer auf, um Augenblicke später auf das Dach der Garage zu klettern. Die Sprossen knirschten ein wenig, was für uns das Ganze noch spannender machte. Vom Dach der Garage dann kamen wir ganz leicht an die Kirschen heran. Wir stopften so viele Früchte in uns hinein, bis uns die Bäuche weh taten. Außerdem ernteten wir Kirschen für später. Zum Abendessen sollte es Kirschschmarren geben, welchen die Mama meiner Freundin zubereitete. Dazu gläserweise frische Milch, die einen weißen Bart über unsere Münder machte. Genussvoll schleckten wir ihn weg.

Wir trugen Parfüm aus der verführerisch aussehenden lila Flasche auf und schminkten unsere Lippen rot. Über unseren nicht vorhandenen Busen zogen wir einen BH und fragten uns, wann er denn endlich passen würde. Und ich gebe zu, er passte nie - bis heute nicht. Die Haare färbten wir mit Mascara blau und die Augen schminkten wir grün.

Mit unseren alten Rädern fuhren wir um den See und badeten im Bach. Am Waldrand malten wir Bilder von Bäumen in der Hoffnung, einmal so kräftig und schön zu werden wie sie. Dabei waren wir eh stark. Und wie stark wir waren.

Wir zogen uns Filme rein und wünschten uns, so gut tanzen zu können wie die Stars in “Dirty Dancing”.

Wann immer wir einen Flieger hörten, schauten wir in den Himmel und träumten uns weit weg. Meine Freundin wünschte sich nach New York und ich mich ans Meer. “Ich hab noch nie das Meer gesehen, den stolzen Leuchtturm und Dünen aus weißem Sand (oder irgendwie so)” - diese Zeilen aus einem Lied der Kastelruther Spatzen kamen mir dann voller Sehnsucht in den Sinn.

Wir tranken Kräutertee aus bunten Tassen und linderten Mückenstiche mit Spitzwegerich und Spucke. In die Haare steckten wir uns Florales.

Wenn es dann Abend wurde und die glühende Feuerkugel langsam hinter dem Horizont verschwand, beobachten wir die magisch leuchtenden Glühwürmchen, bevor wir im Zelt im Garten im Schein der Taschenlampe bis in die Nacht hinein Karten spielten.

Und als dann die Augen ganz schwer wurden, quasselten wir noch lange und hofften, dass wir bald erwachsen sein würden und tun und lassen könnten was wir wollten. Wir träumten von Jungs, die für uns Gitarre am Lagerfeuer spielen und uns unterm Sternenhimmel in ihren Armen halten würden. Und heute, wo ich alles machen kann, sogar Kirschschmarren, wünsche ich mir diese Zeit zurück.

© Kristina Fenninger 2021-07-17

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