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#wirmachenmut#mutmacher

GRÜN

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GRÜN | story.one

„Wir müssen das Morphium LANGSAM ausschleichen, ansonsten ist mit starken Nebenwirkungen zu rechnen“, sagt die Ärztin zu ihr.

Jetzt liegt sie daheim im Bett und dreht sich von der einen Seite auf die andere. Neben ihr sieht sie einen Infusionsständer stehen, obwohl dort gar keiner steht. Sie hört ihn piepsen. Angst schleicht sich ein. „Was ist bloß los?“ Völlig verschwitzt steht sie auf und geht zum Fenster. Sie ist nackt. Hat es nicht mehr ausgehalten im Nachthemd und in der einschneidenden Wäsche. Das Fenster ist offen. Kalter Wind bläst herein. Der Mond steht am Himmel. Sie beginnt zu frösteln und geht ins Bett zurück. Plötzlich tut sich vor ihr ein tiefes Loch im Boden auf. Sie fällt hin. Es kommt ihr vor, als würde das Loch sie verschlucken. Doch ihr Körper schafft es, aus der Öffnung herauszukommen, bevor sich das Loch wieder schließt.

Jetzt liegt sie wieder im Bett und streicht sich über die Glatze. Ihren Partner will sie nicht wecken, nicht schon wieder. Immer ist er da, wenn sie ihn braucht. Auch er benötigt dringend etwas Ruhe.

Drei Nächte dauert dieser Wahnsinn. Doch schlafen kann sie schon länger kaum noch. Sie nimmt die verordneten Tabletten, doch sie helfen nichts. Ständig wird die Dosis erhöht. Erfolglos. Die Psychopax-Tropfen, welche müde machen sollen, putschen sie auf. Ein Psychiater wird geschickt. Sie fühlt sich nicht verstanden von ihm. Er stellt ihre Schlafmedikation ohne Erfolg um. Sie ist am Ende mit ihren Kräften. Die nette Ärztin schickt ihr eine Akupunkteurin. Die Schwestern und Pfleger sind so bemüht um sie. Doch man kann machen was man will, nichts hilft wirklich. „Ich kann nicht mehr“, so denkt sie und hat Angst um ihr Leben. Doch irgendwie schafft sie es, sich zu entspannen. Sie geht viel raus in die Natur in der Zeit, in der sie nicht im Spital ist. Das satte Grün der Natur hat eine unglaubliche Kraft für sie. Langsam, ganz langsam wird es besser. Ein paar Stunden Schlaf am Stück, ein voller Erfolg. Immer öfter gelingt es nun, dass sie wieder einschlafen kann, wenn sie mitten in der Nacht aufwacht. Plötzlich kann sie manchmal sogar wieder durchschlafen. Wahrscheinlich wegen der wirklich vielen Medikamente und auch, weil sie ruhiger wird und vertraut.

Sie will keine Tabletten mehr nehmen. Eine Psychiaterin hilft ihr, sie zu reduzieren. Achtel für Achtel. Dann Viertel für Viertel. Und so weiter. Bald hat sie die erste Tablette ausgeschlichen. Und sie schläft. Manchmal besser, manchmal schlechter. Manchmal mehr, manchmal weniger. Ihr geht es nun um vieles besser. Die Nächte kommen, in denen sie es GANZ OHNE Medikation schafft. Es werden mehr Nächte und mittlerweile sind es VIELE.

© Kristina Fenninger 2020-06-07

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