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#1sommer1buch#mutmacher

Unter der Sichel des Mondes

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Unter der Sichel des Mondes | story.one

Ich kenne diesen jungen Mann nicht besonders gut. Er ist ein flĂŒchtiger Bekannter von mir. Trotzdem. Es wird mir anders, als ich ihn hier, an einer Infusion angehĂ€ngt, sitzen sehe.

Kurz treffen sich unsere Blicke. Er aber will meinem Blick nicht standhalten und schaut weg. Ich fasse mich wieder und versuche ein wenig gute Laune zu verbreiten. Traurigkeit und Angst hÀngen eh schon genug in der Luft, hier in der onkologischen Tagesklinik.

Ich nehme auf dem mir zugewiesenen gepolsterten Stuhl Platz und warte auf die Krankenschwester, welche mir Blut abnehmen soll. Sie kommt, sticht mir in die Vene und fĂŒllt die Röhrchen mit meinem Blut.

Als ich den Raum verlasse, schaue ich meinen Bekannten erneut an und will ihm ein LĂ€cheln schenken. Ich weiß, dass er weiß, dass auch ich sehr zu kĂ€mpfen hatte. „Vielleicht hilft ihm das in irgendeiner Art und Weise weiter“, ĂŒberlege ich. Doch er hat die Augen geschlossen.

Ich verlasse das GebĂ€ude und gehe in ein anderes. Dorthin, wo man mir hoffentlich gleich sagen wird, dass alles okay ist in meinem Blut. Kurze Zeit spĂ€ter bekomme ich auch schon die so sehnlich gewĂŒnschten Worte zu hören. Ich verlasse das Krankenhaus, mache einen Luftsprung und sage ganz laut „Ja, ja, ja!“ Meine Erleichterung ist riesengroß.

Oft treffe ich nun zufĂ€llig auf meinen Bekannten. Immer schaut er mich an, und ich schenke ihm ein LĂ€cheln, welches er aber nicht erwidert. „Soll ich ihn ansprechen?“, frage ich mich jedes Mal erneut, wenn ich ihn schon in der Ferne erblicke. Jedes Mal aber entscheide ich mich dagegen. Ich denke, er weiß, dass ich ein Mensch bin, der ein offenes Ohr fĂŒr andere hat. „Wollte er reden, wĂŒrde er ein GesprĂ€ch beginnen“, so meine Gedanken. So belasse ich es immer bei einem LĂ€cheln.

Letzte Woche, spĂ€ter Samstagabend, ich bin am Heimweg, und er kommt mir wieder einmal entgegen. Aber diesmal nicht allein, sondern Arm in Arm mit einer bildhĂŒbschen Frau.

„Griaß eich“, sage ich ganz ĂŒberschwĂ€nglich, vielleicht wegen des vielen Weins, und lache die beiden an. Von ganzem Herzen kommt mein LĂ€cheln. „Griaß di“, erwidern die beiden, und diesmal schaut auch er mir ganz tief in die Augen und lĂ€chelt zurĂŒck.

„Das Leben ist gut“, fĂŒhle ich, wĂ€hrend ich in den mit Sternen ĂŒbersĂ€ten Himmel schaue. Auch die Mondsichel erblicke ich.

„Ja, schön bist du, Himmel! - Doch auf uns musst du noch warten. Hoffentlich ganz lange.“

© Kristina Fenninger 2020-07-27

mutmacher

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