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#vivalitalia#freehugs

Man(n) kann ja wirklich übertreiben

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Man(n) kann ja wirklich übertreiben | story.one

Ich habe ja wirklich nichts gegen Berührungen und Umarmungen. Ganz im Gegenteil. Ich umarme gerne meine Freunde und war auch das eine oder andere Mal schon positiv überrascht, als mich eine fast fremde Person spontan umarmt hat. Na ja, gut, ich gebe zu, nicht immer war die Überraschung ganz angenehm, meistens aber doch. Es kann auch mir selbst "passieren", dass ich mal ganz spontan einen Menschen umarme, den ich nicht besonders gut kenne, auf einem Festival zum Beispiel.

In Verona habe ich jetzt ein Zimmer in einem Agriturismo gebucht. Kaum habe ich hier geparkt, stürmt schon der Hausherr aus der Tür, begrüßt mich mit einem herzlichen "Ciao" und will keine Sekunde später wissen, ob ich denn schon geimpft bin. Ich antworte mit einem "Si" und im nächsten Augenblick umschlingen mich seine Arme so fest, dass ich kurze Zeit wirklich Angst habe, zu ersticken. Irgendwann gelingt es mir dann, mich aus seinen Fängen zu befreien, und ich atme erstmal tief durch. "Na, Halleluja" denk ich mir und muss doch auch schmunzeln. Er bittet mich hinein und sagt mir, wie sehr er sich doch freue, dass ich hier bin. Währenddessen tätschelt er meine Wangen, als wären sie die eines kleinen Kindes. Als er mir mein Zimmer zeigen will, versichere ich ihm mehrmals, dass ich das bestimmt auch alleine finden werde, so groß ist es ja hier nicht. Aber natürlich lässt er es sich nicht nehmen, es mir zu zeigen. Oben angekommen, tritt er mit ins Zimmer, schaut mich an und sagt mir, dass ich die Augen eines Bambies habe.

Spätestens jetzt frage ich mich, wann denn meine Begleiter endlich sein Telefonat im Auto beendet haben wird. Da höre ich ihn auch schon "Hallo, Hallo" rufen. Der Hausherr tritt jetzt aus dem Zimmer und geht auf ihn zu. Tief atme ich durch.

Auch mein Begleiter bekommt eine herzliche Umarmung und wird mit Freundlichkeiten nur so überschüttet.

Wann immer es mir möglich ist, versuche ich während des Aufenthalts dem Hausherrn fern zu bleiben, denn was zu viel ist, ist zu viel. Auf dem Grundstück befindet sich ein kleiner Hügel mit einem wunderschönen alten Baum.

Hier zirpen die Grillen so wunderbar, und ich kann meinen Gedanken nachhängen.

Vom Hügel aus kann ich auch auf den Liegebereich der Hotelanlage blicken.

Eine junge Frau liegt dort im Bikini bäuchlings auf einer Liege.

Plötzlich sehe ich den Hausherrn auf sie zugehen. Er legt ihr seine Hand auf die Schulter, und sie schreckt fürchterlich auf. Er schaut sie an und küsst ihre Wangen. Was er redet, kann ich nicht verstehen. Als er sich ihr wieder entfernt, schüttelt sie den Kopf.

An unserem letzten Morgen hier werde ich ganz überschwänglich verabschiedet, etwa so, als wären wir jahrelange beste Freunde, die sich auf Nimmerwiedersehen trennen müssen. Und als er mich auf den Mund küssen will, wird mir klar, man(n) kann auch wirklich alles übertreiben.

© Kristina Fenninger 2021-07-14

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