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#vielfalt#verbindungen#trisomie21

Paul

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Paul | story.one

Ich lag in meinem Krankenbett, als aus dem Nachbarzimmer zum keine Ahnung wievielten Mal hintereinander “Atemlos” von Helene Fischer in unser Zimmer hinübertönte. “Das muss ja ein ganz besonders großer Fan sein”, dachte ich mir. Da machte wohl jemand Party im Krankenzimmer.

Eines anderen Tages, ich war gerade wieder tagelang durchgehend an einer Infusion angehängt, wollte aber trotzdem meine erschlaffenden Muskeln trainieren. So ging ich in den Fitnessraum, meinen Kameraden, so nannte ich den Infusionsständer nahm ich einfach mit. Ich stellte mir Ö3 im Radio ein und begann loszutreten. Ich schaute in den satt grünen Park hinunter und fragte mich, wann ich wohl wieder einmal hinaus darf.

Plötzlich öffnete sich die Tür und Maria, unsere Stations-Physiotherapeutin, trat herein. Mit dabei hatte sie einen anderen Patienten, den ich bisher nicht kannte. Er hieß Paul. Paul hatte Trisomie 21. Er war damals gut 20 Jahre alt.

Maria machte sich am Rad zu schaffen. Sie drehte es um. Tagelang hatte sie sich gefragt, warum Paul nicht auf den Ergometer wollte, obwohl er doch sonst auch so ein bewegungsfreudiger Mensch war. Irgendwann kamen sie dann drauf, dass er beim Treten nicht aus dem Fenster schauen wollte.

Paul selbst machte sich inzwischen am Radio zu schaffen. Er drehte so lange herum, bis endlich keine Pop-, sondern Schlagermusik aus den Boxen tönte. Nun war er zufrieden. Schnell war mir klar, dass er der Helene Fischer Fan aus dem Nebenzimmer sein musste. Ich schmunzelte. Freudig begann dann auch er seine Meter zu machen.

Eines Abends, ich saß mit einer anderen Patientin im Aufenthaltsraum, als die Mama von Paul zu uns kam. Sie durfte immer überNacht bei ihm bleiben. Sie redete nichts, sondern schaute nur aus dem Fenster. Der Ausblick auf den Mönchsberg gefiel ihr wohl gut.

Irgendwann verließ ich dann den Raum, natürlich nicht ohne mich von den Damen zu verabschieden. “Einen schönen Abend”, sagte die Mama von Paul zu mir. “Danke, ebenfalls”, antwortete ich. Die andere Patientin war ganz überrascht, wie man hier auf der Station einer Patientin einen schönen Abend wünschen kann.

Ich ging in mein Zimmer und hörte Musik. Die Musik und der unbändige Optimismus sind zwei Dinge, die die Familie vom Paul und mich verbanden. So unterschiedlich wie wir auch waren. Ein markanter Unterschied war, dass ich Guns N' Roses bevorzugte und nicht Helene Fischer. Aber Musik war und bleibt Musik.

Und der Mensch bleibt Mensch, egal ob mit Trisomie 21 oder eben nicht.

Egal ob mit Krebs oder gesund.

Der Mensch bleibt Mensch!

(Namen geändert)

© Kristina Fenninger 2021-06-02

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