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PINK

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PINK | story.one

Ihr Blick bleibt hängen. Sie kann nicht anders, als stehenzubleiben und einige Augenblicke zu verweilen. Viele pinke Tulpenblüten getragen von saftig grünen Stängeln, welche sich sanft, fast unmerkbar im Wind wiegen, erfreuen ihr Gemüt.

Sie selbst aber ist heute ganz in Schwarz gekleidet. Warum, weiß sie nicht. Irgendwie war ihr heute eben danach. Vor einigen Wochen ist ihre Freundin gestorben. Als sie von ihrem Tod erfuhr, wollte sie kein Schwarz tragen. Nichteinmal die Unterwäsche durfte an diesem Tag schwarz sein. Heute aber schon. Warum, weiß sie nicht.

Nur ihre Schuhe sind auch heute grün. Fast ein bisschen zu warm ist es heute für Stiefel. Doch die einzigen grünen Schuhe, die sie hat, sind halt Stiefel. Deshalb eben Stiefel an diesem warmen Frühlingstag.

So geht sie in Schwarz gekleidet mit ihren grünen Stiefeln durch die Stadt. Ihre Füße tragen sie in Richtung Spital. Dort angekommen, misst man am Eingang ihre Temperatur. Nicht erhöht. Man verpasst ihr ein gelbes Bändchen, damit jeder hier sehen kann, dass sie kein Fieber hat. Sie muss schmunzeln. Solche Bändchen kennt sie normalerweise von Festivals und Konzerten. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Stunden später verlässt sie das Spital wieder. Jetzt hat sie einen gewaltigen Hunger und Durst sowieso. Sie kauft sich eine Käsekrainer und ein Seitel Bier. Das darf, ja, das muss heute sein, auch wenn es noch nicht einmal Mittag ist.

Stunden hat sie noch Zeit, bis zu ihrem nächsten Termin. Ohne Plan und ohne Ziel schlendert sie durch die Stadt. Schaut hier ins Schaufenster und kauft dort einen Kaffee. Plötzlich erspähen ihre Augen einen Pulli. Einen pinkfarbenen Pulli. Sie tritt ins Geschäft ein, und kurze Zeit später tauscht sie ihr schwarzes Shirt in den pinken Pulli.

Jetzt sitzt sie auf einer Bank. Sie wiegt ihren Oberkörper sanft mal nach links und mal nach rechts und lässt die Seele baumeln.

Plötzlich aber macht sich ein richtiger Sturm in ihr breit. Sie springt auf und hüpft im Hopserlauf über den Domplatz.

Vielleicht erheitert sie die Gemüter ihrer Zuschauer wie es vorhin die Tulpen mit ihr gemacht haben.

Sie schaut nicht nach links und nicht nach rechts. Ihr ist das schon ein wenig peinlich.

Doch was soll sie machen? Die Freude, dass in ihrem Lebenssaft alles gut ist, dass zum Glück einmal mehr alles gut ist, muss einfach raus. Und ja, sie darf auch raus.

Freudig hüpft sie der Sonne und ihrer Zukunft entgegen.

© Kristina Fenninger 2021-05-02

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