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#diemagiedesaugenblicks#spring#snowflake

Schnee im Frühling

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Schnee im Frühling | story.one

Eine brennende Kerze scheint durch das gefüllte Wasserglas hindurch und wirft einen Schatten, einen Kegel, an die Wand. Das Bordeaux-Glas ist leer. Nur ein paar Schlieren erinnern an den vorhin getrunkenen Wein. Auch mein Kopf erinnert mich daran. Wobei die Schmerzen nicht zwanghaft auf den Alkohol zurückzuführen sind. Sehr wohl kann es auch an dem Föhnwind liegen, der heute durch die Stadt weht.

Die Luft im Zimmer ist geschwängert. Ein Mix aus verräucherten Kräutern und Flieder umhüllt mich. Tief sauge ich den Geruch ein. Ich habe Düfte sehr gerne. Vorausgesetzt natürlich, sie entsprechen meinem Belieben. Kräuter sind mystisch und magisch für mich. Es ist, als würde ich in eine andere Welt eintauchen. Ein wenig Zauber kann ja nie schaden.

Es ist Nacht. Nur ein leichtes seidenes Nachthemd umhüllt meinen Körper.

Die Eisheiligen kündigen sich bereits an. Sie stehen schon vor der Tür und warten auf Einlass. Ein bisschen allerdings müssen sie sich noch gedulden.

Heute ist es nämlich erstmal richtig heiß. Eine Nacht im Frühling.

Trotzdem hat es über zwanzig Grad. Eine Tropennacht also. Deshalb heute nur das leichte seidene Nachthemd. Aber auch auf das könnte ich leicht verzichten. Schweißperlen dringen durch meine Poren. Irgendwann aber muss ich dann doch einschlafen, und so kommt es, dass ich auch wieder aufwache. Heute am Morgen.

Barfuß gehe ich in die Küche und spüre den Vinyl-Boden unter meinen nackten Füßen. Ich setze Kaffee auf. Dann gehe ich ins Bad, um mich ein wenig zu erfrischen. Als ich nach dem Frühstück die Wohnung verlasse, fällt Schnee, obwohl es noch immer sehr warm ist. Ja, wirklich, Frühlingsschnee.

Mit meinen Händen fange ich einige Flocken auf. Für einige wenige Augenblicke fühle ich mich wie in einem Märchen. Der mit schneeweißen Blüten überladene Strauch der Nachbarn sorgt für diesen Zauber. Zusammen mit dem Wind.

Als ich dann am Mittag heimkomme und feststelle, dass sich noch immer ein Blütenblatt in meinen Haaren befindet, muss ich lächeln.

Jetzt dürfen sie kommen, die Eisheiligen, auch sie haben ihren Reiz.

Vielleicht bescheren sie mir ja auch eine Überraschung. Wer weiß das schon.

© Kristina Fenninger 2021-05-11

hautPOESIE eines Moments

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