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Thommy

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Thommy | story.one

Die Tina also. Nein, nein nicht ich. Meine Freundin Tina. Mir würde so etwas nicht einfallen. Nie im Leben würde ich gedenken, so etwas zu tun.

Die Beziehung zu Thommy war schon etwas in die Jahre gekommen, und sie fand ihn einfach nicht mehr so schön. Das kann ich ja wirklich verstehen, weil, naja, wie soll ich sagen, der Schönste war er ja wirklich nicht mehr, der Thommy. Da muss ich ihr also tatsächlich recht geben. Die anfängliche Attraktivität war von ihm abgeblättert wie Putz von der Wand.

Zu Beginn ihrer Partnerschaft war das ganz anders. Jeden Morgen freute sie sich, wenn sie ihn erblickte. Sanft und zärtlich strich sie ihm über seine Schultern. “Du bist so schön”, hauchte sie ihm liebevoll zu. Er war nicht fragil, sondern stark, beinahe massiv. Er war jederzeit da, wenn sie ihn brauchte und fing sie auf, wann immer sie das wollte. Sein Körper schmiegte sich perfekt an den ihren. Seine Widerstandsfähigkeit war ausgesprochen beeindruckend. Er war ihr eine große Stütze, der Thommy. Man meinte, ihre Beziehung wäre auf einem ganz starken Fundament gebaut. Viele beneideten Tina um diesen tollen Kerl. Ich gebe zu, ich gehörte auch dazu.

Irgendwann kam dann der Tag, da nervte sie der Verlust seiner Attraktivität so sehr, dass sie seine ganzen guten Eigenschaften vergessen hatte. Sie beschloss, sich von ihm zu trennen. Weil sie aber halt doch ein Herz hat, die Tina, schmiss sie ihn nicht einfach raus, nein, sie suchte eine Neue für ihn. Da kann man jetzt davon halten, was man will, für sie war das aber das einzig Richtige. Weil ich ihn ja auch so toll fand, fragte sie mich, ob ich ihn nicht haben wollte. Doch ich lehnte ab. Schließlich hatte ich ja jetzt den meinen und ich konnte doch nicht einfach den Einstigen von meiner Freundin übernehmen. Nein, also das ging mir wirklich zu weit. Ich war schon sehr entsetzt über ihre Idee.

Also suchte sie im Internet. Zuerst kamen nur ganz spärliche Anfragen rein. Und als die möglichen Interessentinnen ihn dann anschauten, lehnten sie alle gleich dankend ab. Er traf nicht den Geschmack der Damenwelt. Irgendwann aber kam dann doch der Tag, an dem sich eine für ihn erbarmte. Sie war eine Highheels tragende Schönheit. Blonde lange Haare, gut proportionierte Kurven, rehbraune Augen. Tina wunderte sich sehr, was ausgerechnet die an ihm fand. Doch war sie ehrlich erleichtert, ihn los zu sein. Endlich. So fiel der Abschied relativ knapp aus. Auch Thommy zeigte keinerlei Emotionen, wohl war er sehr enttäuscht von ihr.

Als Tina dann am nächsten Morgen aufwachte, merkte sie schnell, dass er ihr doch sehr fehlte. Die Sehnsucht nach ihm wurde immer größer, und so kontaktierte sie seine Neue. Sie solle ihn doch bitte wieder zurückbringen. Doch die meldete sich nicht. Nichteinmal besuchen kann sie ihn jetzt, weil sie gar nicht genau weiß, wo er hingekommen ist. So ist sie jetzt traurig und vermisst ihn sehr, ihren ihr stets Halt gebenden Stuhl.

Liebe Tina, diese Story ist für dich. Möge es Thommy gut gehen, wo immer er auch ist.

© Kristina Fenninger 2021-10-02

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