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Über den Wolken

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Über den Wolken | story.one

Das Fenster ist die ganze Nacht geöffnet. Nun stehe ich auf und ziehe den Vorhang zur Seite. Nebelschwaden ziehen über die Felder. Der Herbst ist nicht mehr weit.

Stunden später aber zeigt sich der Sommer noch einmal von seiner besten Seite. Ich bin jetzt in der Stadt und schlendere über den Mozartsteg mit ihr. Wir erblicken die Paracelsus Buchhandlung. Die Tür ist geöffnet, wir treten ein. Die Luft ist Räucherstäbchen-geschwängert. Augenblicklich beginne ich mich zu entspannen. Wir kaufen ein paar Kleinigkeiten ein und setzen unseren Weg fort.

Nach ein paar hundert Schritten kommen wir nun bei der “Steirischen Weinstube“ an. Den letzten Tisch im Freien können wir ergattern. Was für ein Glück, denn rein will ich mich nicht setzen an einem der letzten lauen Abenden des Sommers. Eine brennende rote Kerze ziert den Tisch. Wir plaudern über dies und jenes. Es fühlt sich vertraut an, und das, obwohl wir uns noch gar nicht so lange kennen.

Plötzlich läutet am Nachbartisch das Handy. Der ältere Herr hat als Klingelton “Über den Wolken“ eingestellt. Ich muss schmunzeln und summe leise mit. „Dieses Lied ist mein Lieblingssong vom Mey“, erkläre ich ihr. „'Das Glück und dein Name ist für mich dasselbe Wort', das ist meine Lieblingszeile von ihm“, beginnt sie nun zu erzählen. „Oh, ich habe mich nicht getäuscht, sie ist eine Poetin, durch und durch.“

„Weißt du, Kristina, im Jahr 1988 war ich tatsächlich mit Reinhard Mey über den Wolken. Ich hatte einen schlecht bezahlten Job als Geschäftsführerin einer Erwachsenenbildungseinrichtung. Das Highlight war eine Geschäftsreise von München nach Hannover zu einer internationalen Tagung. Schon im Terminal entdeckte ich Reinhard Mey. Als wir das Flugzeug, eine mittelgroße zweimotorige Propellermaschine, bestiegen, war er wieder da. Nur zwei Reihen hinter mir ist er mit seiner Frau gesessen. Er trug blaue Jeans, eine Levi's-Jeansjacke und Cowboystiefel. An der Schlaghand hatte er lange Fingernägel. Der Abflug verzögerte sich um zwei Stunden. Immer wieder bekamen wir Snacks und Getränke. Als der baldige Start angekündigt wurde, bat die Stewardess den Mey ins Cockpit. Schließlich ist er begeisterter Privatpilot. Endlich hob die Maschine ab. Nach der Landung ging der Künstler an mir vorbei zu seinem Platz.“ Ein Passagier fragte ihn, wie es war. „Runter kommen sie ja alle“, antwortete Mey.

„Dieser Flug und das Pink-Floyd Konzert am selbigen Abend im Niedersachsenstadion sind die Highlights der Zeit als Geschäftsführerin dieser Einrichtung“, erzählt sie nun weiter.

Bald verabschieden wir uns. Runter kommen sie ja alle! Dieser Satz beschäftigt mich nun. Sterben müssen wir auch alle irgendwann. Ich will das Leben spüren. Jetzt! Sofort! Ich fahre an den See, schlüpfe aus meinem Kleid und tauche unter im tiefschwarzen Wasser. Mein einziger Zeuge ist der Mond. Sterben müssen wir alle irgendwann, aber bis dahin ist noch Zeit, und die will genutzt werden.

Ich will das Leben spüren.

© Kristina Fenninger 2020-08-30

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