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1. In der Hütte

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1. In der Hütte | story.one

Unsere kleine Wandergruppe war beim Abstieg in den abendlichen Herbstnebel geraten. Ich hatte kurz austreten müssen, und dann waren die anderen weg. Ich rief, doch nur ein Mann antwortete, Toni, der in der Nähe geblieben war und auf mich gewartet hatte. Die Kameraden waren weder zu sehen noch zu hören. Sie waren wohl bereits um die Bergflanke herumgegangen.

Der Nebel ließ keinen deutlichen Weg erkennen. Abwärts war es auch zu gefährlich, um bei den schlechten Sichtverhältnissen einfach aufs Geratewohl ins Dorf zu steigen. So beschlossen wir, zur Hütte zurückzukehren und den Morgen abzuwarten. Es gab hier oben keinen Handyempfang, doch der Gruppenleiter kannte Toni und wusste wohl, dass er die richtige Entscheidung treffen würde. Es war nicht mehr weit, und der Schlüssel lag auf einem Balken über der Holzbank.

Wir waren einander bisher fremd gewesen, mussten eine Nacht zusammen verbringen, hatten aber keine richtige Schlafgelegenheit. Toni war um sieben, acht Jahre älter als ich. Sein Gesicht sah ledrig aus, wie es bei Bergsteigern häufig vorkommt, sein dichtes Haar war schlohweiß.

Wir hatten in den Rucksäcken noch etwas Proviant, den wir für den Morgen aufheben wollten. In einer eisernen Halterung brannte der Stumpf einer Kerze, eine frische lag daneben. Vor der Hütte gab es Wasser. Mit den vorhandenen Polstern hatten wir es uns halbwegs bequem gemacht, plauderten und dösten abwechselnd.

Nachdem wir von unseren Berufen und Hobbies gesprochen hatten, kamen wir zum Thema Kindheit. Nach meinem Beitrag bat ich ihn, doch auch etwas von sich selbst zu erzählen. Tonis Gesicht verdüsterte sich. Hätte ich besser nichts sagen sollen? Ich holte die Weinflasche, die wir nachmittags im Regal hatten stehenlassen, zwei Gläser und schenkte ein. Nach einer Weile begann er zu sprechen, und etwas Aufgestautes schien sich Bahn brechen zu wollen:

„Ich bin als Sechstes von insgesamt 17 Kindern geboren. Eins und Zwei stammten von der ersten Frau meines Vaters. Sie starb im Kindbett. Was sollte er machen? In dem Gasthaus, in dem er häufig am Feierabend trank, war eine hübsche Bedienung, die ihre Arbeit in der Pinte satthatte und sich überreden ließ, ihn zu heiraten. Damals hatte er noch eine kleine Schreinerei und war selbständig.

Rosa wurde gleich schwanger und gebar Zwillinge, Jahre später noch ein weiteres Mal. Bald ging ihm das Geschrei der Kleinen zu Hause auf die Nerven. Abend für Abend saß er bis zur Sperrstunde vor Bier und Schnaps. Seine beiden Arbeiter nutzten diesen Zustand und die häufige Abwesenheit aus, betrogen ihn, die Schreinerei schwamm schließlich den Bach hinunter. Wir wurden zum Sozialfall in der Gemeinde Le Landeron. Das liegt im katholischen Teil des Jura.

Indessen kam meine Mutter aus den Schwangerschaften nicht mehr heraus. Frühere Fotos zeigen sie sehr hübsch, doch ich kannte sie nur verbraucht. Vor elf Jahren ist sie gestorben. Bei der Todesanzeige machten die Namen ihrer 17 Kinder den Hauptteil der Parte aus."

© L_O_M_7 2021-06-10

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