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Von Phoenix und Phönixen

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Von Phoenix und Phönixen | story.one

Im Seminar mit dem Titel „Diese Bücher liest man nicht mit einer Hand. Pornografische Literatur von der Antike bis zur Gegenwart“ sitze ich neben jemand mit Namen Phoenix. Asiatische Augenlider, weite dunkle Kleidung, weiche Gesichtszüge, aber keine Hüfte, kein sichtbarer Busen. Ich vermute, dass Phoenix trans und ein er ist, aber wer kann das schon sagen, außer Phoenix? Ich will nicht fragen, denn es ist doch ungehörig sich nach dem Geschlecht zu erkundigen, wenn die einzigen Wörter, die man sonst miteinander wechselt „Guten Morgen“ und „Tschüss“ sind.

In der Gesprächsrunde über nicht-einhändig zu lesende Bücher will die Doktorin, dass die Studierenden die Metapher vom Gang durchs Rote Meer erklären. Phoenix bleibt stumm. Nur seinihre Wangenknochen beginnen zu glühen. Lisa hebt den Arm. Während Lisa über Scham und Verlangen spricht, wird in meiner Vorstellung eine Leinwand mit Farbe versehen: Dickes Menstruationsrot bildet unregelmäßig tropfend eine immer dunkler werdende Pfütze in der Mitte der Leinwand. Seitlich hinterlässt zartes Erektionsrosa erste kleine Kleckse. Um die Pfütze herum zeichnet Schamlippenbraun in der Nuance alte Erdbeermarmelade einen Halbkreis. Mit einem Seufzen landet ein Spritzer Spermaweiß in der Pfütze Menstruationsrot.

Ein Freund überlegte lange sich einen Phönix auf seinen Oberschenkel zu tätowieren. Doch seine spirituelle Lebensberaterin riet ihm von diesem Motiv ab. Jedes Tattoo hinterließe Spuren in der Seele, dränge sich dem Charakter auf. Ein Phönix sei gezwungen stets von neuem zu altern, zu brennen und zu wachsen. Die Art von Unsterblichkeit, an die Buddhisten und Hindus glauben. Gefangen im Samsara, gefangen in Freude und Leid. Der Freund ließ sich keinen Phönix stechen. Er will noch in diesem Leben aus dem Kreislauf der Wiedergeburten aussteigen.

Foto©skylarvision_pixabay.com

© Linn Schiffmann 2021-05-23

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