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#schreiben#vögel#zauberdesanfangs

Ein möglicher Anfang

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Ein möglicher Anfang | story.one

Das hier ist der Anfang von etwas. Wovon weiß ich nicht genau. Aber wenn ich etwas von Anfängen gelernt habe, dann die Tatsache, dass man einen guten Eindruck machen muss.

Ich halte mich in diesem Moment in einem kleinen, aber feinen Apartment auf, das ich gemeinsam mit zwei Blaumeisen bewohne. Ich habe nicht nur Vögel, ich mag sie sogar. Sie sind ein kleines Stückchen Freiheit, das ich in dieser paradoxen Welt in einem Käfig aufbewahre. Meine Nachbarn nerven mich oft. Aber ich räche mich. Wenn ihre Musik so laut ist, dass ich zwar nicht jedes Wort verstehen kann, aber zumindest den Bass tongenau nachspielen könnte, dann schalte ich einfach mein Lieblingslied an. Stairway to Heaven. Es ist ein stiller Krieg, der lautstark ausgetragen wird. Herrlich. Letztens habe ich auf der Straße eine gutaussehende Person gesehen, die mich interessiert hätte. Dann bin ich ihr nähergekommen und der Zauber zwischen uns hat ganz schnell aufgehört zu existieren. Wie kommt es, dass Menschen aus der Ferne immer besser aussehen? Und sobald man näherkommt, erkennt man hässliche Fratzen, denen man jeden Tag aufs Neue ausgesetzt ist. Ein Lächeln kann das schrecklichste Gesicht wunderbar tarnen. Ich erinnere mich an den kleinen Engel Angelo. Er war das schrecklichste Babysitter-Kind, dass ich je gehabt hatte. Und doch verzieh ich ihm jedes Mal aufs Neue, wenn er mich, mit den Mundwinkeln nach oben gezogen, um eine weitere Gute-Nacht-Geschichte bat. Irgendwie ist mir die Konzipierung seiner Kinderbücher ans Herz gewachsen. Diese Kinder ritten im einen Moment Drachen in China, und im nächsten waren sie gefeierte Detektive in der Antarktis. Schön wäre das, wenn man im Leben tatsächlich so sprunghaft sein könnte. Ein roter Faden war praktisch nicht existent.

Vor exakt einem Monat habe ich beschlossen, ein Buch zu schreiben, das nicht nur eine Geschichte in sich trägt. Das ist nicht philosophisch gemeint, dass ein Buch auch durch eine vom Besitzer vorgenommene Assoziation eine für andere unbekannte Geschichte in sich trägt oder so ähnlich. Nein. Ich meine das ganz haptisch: ein Buch mit mehreren Menschen, die alle für sich eine Geschichte zu erzählen haben. Verdammt, das klingt nun doch unglaublich emotional. Solche Beschreibungen muss ich mir unbedingt abgewöhnen. Das könnte meinem Image schaden.

Durch den kleinen Spiegel sehe ich die beiden Vögel zwitschernd in ihrem Käfig streiten. Schön eigentlich.

© Lisa Stenech 2021-07-22

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