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Solo hay una para mi

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Solo hay una para mi | story.one

Der „Faserschmeichler“

Bewundernswert hat sie ihr Schicksal angenommen. Der Rollstuhl, auf den sie seit vielen Jahren angewiesen ist, hindert sie nicht daran, ihrer Leidenschaft zu frönen. Kontaktfreudig wie sie war, bewirtete sie mich und meinen Vater mit selbstgebackenem Kuchen. Im Hintergrund lief immer Musik.

Sie war eine tolle Sängerin, Chormitglied. Als das für sie nicht mehr möglich war, nahm sie es tapfer an wie alles in ihrem Leben. Sie verehrte einen Mann, das war nicht zu übersehen. In ihrer Wohnung hingen Bilder von ihm, Kissen mit seinem Konterfei lagen auf der Küchenbank, neben dem CD-Player stapelten sich seine Veröffentlichungen.

Ihr größter Wunsch war es, ihn einmal live zu erleben. Das war natürlich reines Wunschdenken, wie sie immer sagte. Eine weite Anreise zu einem seiner Konzerte war nicht möglich, aber es war ihr großer Traum. Mein Vater, damals im gesetzten Alter von knapp 90 Jahren schmunzelte, wenn sie von ihm schwärmte. „Dieser Faserschmeichler!“, sagte er dann. Als kurz nach einem Besuch bei ihr die alljährliche Weihnachts-Sendung von Gut Aiderbichl anstand, fragte er mich plötzlich: „Is´ der da auch dabei?“ Ich drehte den Fernseher auf, stopfte mir Ohropax in die Ohren und hoffte, dass unser Hund keinen Hörsturz erlitt. Mein Vater war damals schon fast gehörlos und sah so gut wie nie mehr fern.

Dann war es so weit. Dieses Bild sehe ich noch immer vor mir: Die Lichter gingen aus, ganz langsam öffnete sich das schwere Eingangstor. Stille. Alles war schwarz in schwarz. Die Nacht, der große Taubenschwarm, der plötzlich aufflog und sein Anzug. „Solo hay una para mi“. Man hätte eine Stecknadel fallen hören, wenn sich bei uns daheim noch irgendjemand bewegt hätte. Aber sogar der Hund starrte fasziniert auf den Bildschirm.

Eines Tages rief sie mich an. „Kommt ihr zum Kaffee, ich muss euch unbedingt etwas erzählen!“ Die Sensation war perfekt: ER kam zu uns. In unseren Ort, die Fernseh-Sendung „Zauberhafte Weihnacht im Land der stillen Nacht“ wurde gedreht. Und sie war eingeladen, hochoffiziell! Ein passender Transport-Bus wurde organisiert, sie saß in ihrem schönsten Dirndlkleid in der ersten Reihe. Sogar ein paar Worte hat er mit ihr gewechselt, er wusste natürlich, dass sie sein größter Fan ever war.

Kurz darauf zeigte mein Vater ungewohnte Interessen: „So einen Kopfhörer für den Fernseher könnt´ ich ja einmal probieren.“ Er wollte auch, nachdem er sich zuvor entschieden geweigert hatte, „wieder einmal zum Ohrwaschl-Doktor gehen wegen dem Radio-Hören“ und zumindest eine Zeitlang genoss ich es dann, nicht mehr schreien zu müssen, wenn ich mich mit ihm unterhielt.

Musik verbindet, Musik verzaubert, Musik gibt Kraft. Das Genre spielt dabei keine Rolle. Bei meinem Besuch auf Gut Aiderbichl sah ich die Tauben fliegen. Ich sah meinen Vater vor mir, unsere Musik-Liebhaberin und mit einem Lächeln im Herzen dachte ich: thank you for your music, Semino Rossi!

© Lotte Maria Kaml 2021-01-13

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