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#pause#umwelt#natur

Verschnaufpause

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Verschnaufpause | story.one

Barfuß tappe ich durch das frische, noch mit Morgentau besetzte Gras. Die ersten Sonnenstrahlen begrüßen mich wie einen alten Freund, sie kitzeln mich an der Wange. Ich halte einen Moment inne und nehme einen tiefen Atemzug. Meine Lunge füllt sich mit kalter, klarer Luft. Noch ist es zu früh Löwenzähne oder Margeriten zu riechen, denn diese kämpfen sich erst aus ihren Knospen. Nein, in diesem Moment rieche ich nur Freiheit. Freiheit und Reinheit.

Jeden Morgen, wenn die Welt noch innehält und die Straßen menschen- und maschinenleer sind, genehmige ich mir eine Verschnaufpause. In diesen Momenten kommt mir mein Garten wie ein unbeflecktes Stück Erde vor und ich mir wie ein entdeckungsfreudiges Kind. Heute bin ich nicht nur früher als die meisten Menschen, sondern auch vor meinem Wecker aufgewacht. Somit kann ich diese besondere Zeit ganz ohne Stress genießen. Mit freiem Kopf lasse ich mich auf das weiche Gras sinken.

Meiner Meinung nach ist Natur das, was Magie am nächsten kommt. Jedem Fleckchen von Mutter Natur wohnt ein Zauber inne. Um den zu begreifen braucht es kein Abrakadabra, keinen Zauberstab oder Hexentrank. Es braucht nur ein wenig Achtsamkeit. Wobei das schon manchen Menschen schwerfällt. Doch sobald man acht gibt, entfalten sich Wunder der Natur vor deinem Auge. Ich höre Vögeln ihre Lieder singen – Arien, Weisen und Balladen – ohne, dass sie von Baustellen, Gekreische und Straßenlärm übertönt werden. Ich entdecke Bienen, wie sie sich erste Blüten suchen, ohne vor Rasenmähern Angst haben zu müssen. Zu meinen Füßen krabbelt ein schillernder Käfer, der sich an Tautropfen erfreut.

Außerdem vergeht Zeit in der Natur langsamer. Nicht das Ticken der Uhr, sondern dein eigener, ruhiger Atem geben den Takt an. Mehr Zeit … ist das nicht genau das, wonach jeder krampfhaft in seinem hektischen Leben sucht?

Kaum habe ich diesen Gedanken geformt, reißt mich das schrille Geräusch meines Weckers zurück in die Realität. Noch vom Zauber benommen und mit schweren Schritten schwanke ich über die Terrasse zurück ins Haus. Mein Magen leitet mich in die Küche, doch als ich den Kühlschrank öffne, überkommt mich eine seltsame Melancholie. Wozu ist die Gurke mit Plastikfolie umwickelt? Wieso haben die Erdbeeren eine längere Reise hinter sich, als ich sie je gehabt habe?

Natur verlangsamt für mich den Alltag, doch mein Alltag verlangsamt nicht den Klimawandel! Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, aber mit unserer gehetzten Lebensweise verschnellern wir Prozesse wie Erderwärmung nur. Eins steht fest: Wir müssen unseren Lebensstil überdenken, denn Mutter Natur braucht dringend eine Verschnaufpause.

© Lysithea 2021-05-04

GartengeflüsterDurchatmen

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