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#ddr#großeltern#ohren

Ohren aus der Vergangenheit

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Ohren aus der Vergangenheit | story.one

Das Elbflorenz ist Reiseziel vieler Touristen. Für uns war es nur der Startpunkt. Früh morgens bestiegen wir ein Taxi, viele Arbeiter strömten mit ihren Täschchen an uns vorbei, in denen sie ihre Brotzeiten mit zum Einsatzort nahmen. Unser Weg führte über holprige Straßen Richtung Pirna. Dort legte um 9:00 Uhr ein Flussdampfer ab. Kaum an Bord begaben wir uns zur Reling, um alles zu beobachten und die montane Silhouette der Sächsischen Schweiz zu bestaunen. Aus den Lautsprechern schepperte blechern zum Abschied das eindrucksvolle Trompetensolo „Il Silenzio“ von Nini Rosso.

Es war eine Tagesreise, doch sie verband Jahrhunderte. Ein Teil unserer Familie stammte aus dem Sudetenland. Viele Geschichten sind weitergegeben worden. Fröhliche, traurige, amouröse, morbide. Das ganze Spektrum, welches das Leben bereithält. Wir hörten von der Natur, von der Kultur und von den Menschen. Selbst einen detaillierten Lageplan hatte mein Opa gezeichnet. Über Jahre verfeinert und stetig erweitert. Wir wollten mit eigenen Augen sehen, wo unsere Vorfahren gelebt hatten, ob ihre Geschichten der Wahrheit entsprachen und wie die alte Heimat heute aussah.

Es dauerte nicht lange, bis das Schiff die Grenze zur ČSSR erreichte. Von nun an versuchten wir, dass Dorf Ohren zu erspähen. Es war nicht der schönste Tag, dazu kam die Sonne zu selten durch, aber wenigstens regnete es nicht. An Deck war es im August dennoch sehr warm. Wir passierten Děčín (Tetschen), dessen Elbhafen, in einem Talkessel des böhmischen Mittelgebirges gelegen, beindruckte. Rozbělesy, Chmelnice und Vilsnice flogen vorbei. Plötzlich sahen wir den Hof, auf dem unser Opa gespielt haben musste, doch nein, es war ein anderes Dorf. Wir konnten aus der Ferne Höfe, Ställe, Häuser, Felder und Wälder erspähen, mussten aber erkennen, dass uns wenig mit der alten Heimat verband, von der unsere Ahnen so oft gesprochen hatten. Danach hielten wir nacheinander Malšovice, Dobkovice und Těchlovice für Ohren, oder Javory, wie es jetzt heißt. Als wir den Wendepunkt Ústí (Aussig) erreichten, waren wir ernüchtert. Danach Landgang und Stärkung mit spektakulärem Blick auf die Ferdinandshöhe.

Auf der Rückfahrt versuchten wir unser Glück erneut, doch die so klar scheinenden Erzählungen scheiterten an der Realität. Alles sah anders als beschrieben aus und ähnelte sich doch in merkwürdiger Hinsicht. Am Abend, wieder im Hotel in Dresden sitzend, zählten wir durch. Mindestens fünfmal glaubten wir, Ohren ausgemacht zu haben. Doch selbst wenn wir einmal im Recht gewesen sein sollten, es hätte nichts geändert. Das Ohren aus der Vergangenheit existierte nicht mehr. Javory war zur Heimat weiterer Generationen geworden. Dennoch wollten wir die Reise nicht missen. Sie zeigte, dass die Heimat ein gedankliches Konstrukt ist. Es lässt sich nicht durch Erzählungen und Erinnerungen vererben, man kann nur in ihr leben, solange Personen, Freund- und Liebschaften sie mit eben diesem Leben füllen.

© Marcus Helwing 2021-07-22

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