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#garten#grün#blumenwiese

Mein grüner Daumen

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Mein grüner Daumen | story.one

Ein Häuschen mit Garten, ein Leben im Grünen – endlich! Gleich nach dem Einzug im November begann ich damit. Jahreszeitenbedingt mit Zimmerpflanzen. Leider kein Ruhmesblatt für meinen grünen Daumen. Der Benjamini warf schon nach ein paar Wochen sämtliche Blätter ab. Die Zimmerlinde kümmerte vor sich hin und war bald mehr gelb als grün. Das Usambara-Veilchen, anfangs das reinste Blütenwunder, wurde zu einem graupelzigen Gewächs, das von unten zu faulen begann, weil ich es mit heftigem Gießen zum Blühen zwingen wollte. Mein grüner Daumen war wohl eher für Freiland und Nutzpflanzen geeignet. Kein Problem – ich wollte ohnehin Bio-Gemüse züchten, hatte ich doch schon während des Hausbaus gesehen, wie prächtig es in den Nachbargärten heranreifte.

Ungeduldig wartete ich auf den Frühling. In der ersten Märzwoche stürzte ich mich in die Gartenarbeit. Ich stach den Boden um, legte Beete an, trampelte Wege dazwischen, zog freihändige Furchen und säte, was das Zeug hielt, von Petersilie über Radieschen bis Erbsen, Bohnen, Gurken. So, dachte ich eine Woche später müde, aber glücklich, nun kann mein Bio-Gemüse wachsen und gedeihen. Und das früher als bei den Nachbarn, denn rundum herrschte noch Winterruhe.

Bei meiner Nachbarin begann die Saison erst im April. Aber wie! Sie vermaß ihre Anbaufläche mit dem Zollstock, spannte Schnüre, an denen entlang sie die Beete zentimetergenau einteilte. Ebenso geradlinig betrieb sie die Aussaat, markierte jede Reihe mit dem entsprechenden Samenpäckchen. Auch die Salat-, Kohlrabi- und Blumenkohlpflanzen standen in Reih und Glied wie die Soldaten. Strenge Geometrie statt natürliche Vegetation. Im Vergleich dazu herrschte bei mir absolute Anarchie, die ich mir jedoch als kreatives Chaos schönredete. An meinem grünen Daumen zweifelte ich nicht, denn meine Beete bedeckte bereits ein Flaum aus jungen Pflänzchen. Die Saat war aufgegangen und ich musste nur noch abwarten, bis es Zeit für die Ernte war.

Doch ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Blätter der Radieschen verfaulten im Aprilregen. Die Triebe der Bohnen fielen den Eismännern zum Opfer. Die Gurkenranken vertrockneten im Juni. Was die Wetterkapriolen überlebte, erstickte im wuchernden Unkraut, das über meinen Nutzpflanzen zusammenschlug. Immerhin hatte ich deswegen den grünsten Garten weit und breit, im Gegensatz zu meiner Nachbarin, die jedes Unkräutchen ermordete, sobald es den Kopf aus der Erde streckte.

Aus der Ernte wurde nichts. Im Herbst grub ich die Fläche um und säte Grassamen aus. Die Wiese wächst von allein, gehört den Schmetterlingen und Bienen und macht mich glücklich. Ohne grünen Daumen habe ich der Welt ein Stück Natur zurückgegeben.

Ersatzweise begnüge ich mich mit ein paar Zimmerpflanzen, solche von der robusten Sorte, die wochenlange Trockenheit ebenso wegstecken wie die Überschwemmungen, die ich ihnen anschließend zum Ausgleich zumute.

© Margit Heumann 2021-04-07

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