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Das Quietschen der Lebendigen

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Das Quietschen der Lebendigen | story.one

Die Bundesgärten sind versperrt. Die Kindergärten und Spielplätze zu. Der Zoo verriegelt. Auf den Straßen ist zu wenig Platz für eine Familie mit zwei Kleinkindern. Wien in Krisenzeiten fühlt sich eng, dreckig und grau an.

Wir flüchten also mit unseren Rädern und den Kindern hinten drauf den Berg hinauf zum Meidlinger Friedhof. Da soll es Feldhamster geben.

Und tatsächlich finden wir nahe an einem der unzähligen Löcher einen kleinen süßen Hamster. Überhaupt ist die Artenvielfalt hier am Friedhof enorm. Also für Wiener Verhältnisse enorm. Halt einfach vorhanden. Wir sehen drei verschiedene Vogelarten, Hummeln, Käfer und einen Feldhamster.

Es riecht nach frischem Gras. Der Boden unter unseren Füßen fühlt sich weich an. Man hört die Autos nur ganz wenig. So wenig, dass man tatsächlich das Vogelgezwitscher bewusst wahrnehmen kann. Ein schönes Fleckchen Erde. Dieses riesige Friedhofsareal mit den alten Bäumen, auf dem es kreucht und fleucht wie wild.

Von einer Sonnenbank aus beobachte ich meine Familie. Der 4-Jährige sammelt Blumen. Er hat schon ganz viele. Plastikblumen, die der Wind von den Gräbern geweht hat.

Mein 1-Jähriger klettert gerne. Er versucht die Grabsteine zu erklimmen. Mit wenig Erfolg, weil mein Mann hinter her ist. „Runter da“, „Nicht da rauf“, „Nein“, „Nein“, „Nein“ höre ich und sehe die schwindende Begeisterung in seinem Gesicht. Unser Kleiner ist auch ein bekennender Menschen- und Tierfreund. Seit er Laufen kann, beginnt er zu quietschen, wenn er andere Kinder und Tiere sieht. Er öffnet seine Augen, seinen Mund und seine Arme und läuft freudig und offen anderen Lebewesen entgegen. Dann neigt er seinen Kopf und betastet interessiert das andere Wesen. Zumindest war das vor der Krise so.

Ich denke an die Worte, die er von mir gehört hat im letzten Monat der Quarantäne. „Nicht hingehen“, „Abstand halten“, „Nein“, „Nein“, „Nicht angreifen“, „Komm her“, „Nein.“ Und mir wird schmerzlich bewusst, dass er aufgehört hat zu quietschen, wenn er andere Kinder trifft. Er quietscht nur noch zuhause.

Ich sitze immer noch auf der Sonnenbank. Jetzt mit Tränen in den Augen. Wir räumen doch tatsächlich unseren Toten in dieser Stadt mehr Raum ein, als unseren lebendigen Kindern, denke ich mir. Und ich schäme mich ob der Opulenz der Grabsteine auf diesem schönen Fleckchen Erde. Was wäre das für ein Park!

Auf dem Rückweg balanciert unser Kleiner auf den Grabrändern. Und ich lasse ihn. Und unser 4-Jähriger besteht darauf, die verdreckten Plastikblumen zuhause einzupflanzen. Und ich lasse ihn.

Das Quietschen der Lebendigen verdient mehr Raum als die Ehrfurcht vor dem Tod.

© Maria Lackner 2020-04-10

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