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#klimawandel#nachhaltigkeit#gleichberechtigung

Die Vollzeitfalle

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Die Vollzeitfalle | story.one

Ich war 30 Jahre alt, als meine Mutter im März 2011 akut an Leukämie erkrankte. Und ich kann mich noch gut erinnern, als ich nur Wochen später mitten im Vollzeitarbeitstag ein SMS von ihr erhielt: “Die Ärzte fangen keine neue Chemo mehr an. Wir probieren es jetzt mit alternativen Methoden.” Ich bin in die Knie gegangen. Vor dem Büro auf offener Straße. Und ich habe am Tag darauf meine Erwerbsarbeit auf 32 Stunden reduziert. Zwei Monate später haben wir meine Mutter begraben und ich bin neben meiner damals erst 15-jährigen Schwester erstmals in meinem Leben erste Reihe hinter Sarg marschiert.

Ein tragisches Erlebnis hat mich veranlasst, weniger zu arbeiten. Heute 10 Jahre später arbeite ich nach wie vor Teilzeit. Ich habe nie mehr Stunden aufgestockt. Zuerst, um meine Schwester bis zur Matura zu begleiten und unserer Trauer ausreichend Raum und Zeit zu geben. Doch die Trauer verblasste. Die Teilzeit blieb.

Wenn sich auch die Gründe dafür im Laufe der nächsten Jahre änderten.

Als mir ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter eine Beförderung angeboten wurde, sagte ich unter der Bedingung zu, dass ich weiterhin 32 Stunden arbeiten würde. Ein absolutes No-Go in unserer Arbeitswelt. Wurde natürlich abgelehnt. Nur dann kam es so, dass sich zu mir keine Alternative fand und das Unmögliche möglich wurde. Ich leitete eine Abteilung mit 32 Stunden. Und es funktionierte gut.

Heute bin ich Mutter zweier Kindergartenkinder und Hausfrau. Hauptberuflich. Nebenberuflich bin ich nachhaltige Unternehmensberaterin & Resilienzcoach, Mandatarin & Funktionärin und Mitglied in Organisationen, die den nachhaltigen Wandel unserer Denk-, Lebens- und Wirtschaftsweisen vorantreiben. Möglich ist das nur aus einem einzigen Grund. Weil nicht nur ich meiner Erwerbsarbeit in Teilzeit nachgehe, sondern auch mein Lebensgefährte, der Vater unserer Kinder.

Denn ein nachhaltiger, gleichberechtigter Wandel unseres Wirtschaftssystems bedarf auch einer Stundenreduktion. Wir brauchen nicht nur mehr Zeit zum Tauschen, Reparieren, bewusst einkaufen und für die Pflege und Betreuung unserer Angehörigen. Wir brauchen auch mehr Zeit für ziviles und politisches Engagement und mehr Raum für Veränderung.

Wenn ich im Jahr 2021 in den Medien von der “Teilzeitfalle" lese, in der wir Frauen angeblich stecken, werde ich unrund. Und ich ärgere mich. Denn (finanzielle) Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit beruhen nicht auf einer immerwährenden 40 Stunden Woche. Ganz im Gegenteil. Wir müssen allen Menschen, auch den Männern, ermöglichen, Teilzeit zu arbeiten. Und wenn sich das finanziell nicht ausgeht in einem Haushalt, indem zwei Menschen 32 Stunden arbeiten, dann gehören die Löhne und Gehälter erhöht. Das ist für mich der Rahmen für “New Work”, indem die großen Veränderungen, die uns bevorstehen, passieren können.

Wir müssen raus aus dem Hamsterrad der Vollzeitfalle.

Meine Mutter würde das Gleiche sagen.

© Maria Lackner 2021-05-19

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