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Kirmes und Kringel

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Kirmes und Kringel | story.one

Ein Onkel erinnert sich an das Jahr 1958 und erzählt mir diese Geschichte über meine Mutter:

Im Haus hängt der kalte Geruch von Zigarren, die ihr Vater gerne abends raucht, bevor er seine Zither hervor holt und alte Wiener Lieder darauf zupft. Heute ist er noch in seinem Wuppertaler Büro. Als Versicherungskaufmann hat er dort immer viel Arbeit. Ohne ihn gäbe es die ehemals thüringische Versicherung nicht im Rheinland und die Policen sind in diesen Nachkriegsjahren begehrt.

Er ist also noch nicht Zuhause. Das bedeutet für sie, gute Chancen auf die Realisierung ihrer Pläne für den heutigen Nachmittag zu haben. In ihrem Zimmer sucht sie den schönsten Rock heraus, Seidenstrümpfe und schicke Schuhe. Damit Mutter keinen Verdacht schöpft, lässt sie alles in ihrem Tagesrucksack verschwinden. Schminke ist bereits drin.

Mit einem „Tschööö, bis später!" huscht sie schnell zur alten knarrenden Holztür hinaus. Mutter weiß nur, dass sie ihre Freundin Ulrike besuchen will. Mehr darf niemand wissen. Niemals hätte Vater erlaubt, was heute auf dem Programm steht.

Sie läuft geradewegs auf die kleine Hütte am Feldrand zu, ihr geheimes Versteck, in dem sie sich heute nicht zum ersten Mal umzieht und aufpeppt. Bisher ist immer alles gut gegangen. Zuerst löst sie ihre braunen geflochtenen Zöpfe, um gleich darauf die Hose gegen Seidenstrümpfe zu tauschen. Ein bisschen Farbe ins Gesicht lässt sie gleich etwas erwachsener aussehen.

Der kleine Taschenspiegel, den sie hier im Stroh lagert, ist schon etwas blind. Aber er genügt ihr noch gerade, um sich schön zu finden. Sie muss sich sputen, der Bus fährt nur einmal in der Stunde. Mit klappernden Schuhen erreicht sie ihn soeben, bevor sich die Türen hinter ihr schließen.

Ulrike wartet schon ungeduldig, auch ihre Eltern sind nicht daheim und ahnungslos. Die Mädchen kichern verschwörerisch, schließen die Wohnungstür und hakeln sich unter. Fröhlich und beschwingt erreichen sie die Kirmes, die jedes Jahr im September die hübschesten Jungs der Stadt anlockt. Das werden sie sich doch nicht entgehen lassen! Sie naschen fluffige Zuckerwatte und erstehen rote Paradiesäpfel. Mit Popcorn im Arm schauen sie sehnsüchtig auf die Autoscooter.

Gefangen in ihren Träumen drehen sie eine Runde auf dem Riesenrad und genießen die bunten Lichter im Sonnenuntergang.

Kaum haben sie wieder festen Boden unter den Füßen packt jemand von hinten kräftig in ihren braunen Haarschopf. „Ja wen haben wir denn da?" Eine wohlbekannte Stimme ertönt und lacht, schadenfreudig über die unverhoffte Enttarnung.

Es ist der beste Freund ihres Vaters. Wo ist hier das nächste Mauseloch? Doch es würde nichts mehr nützen, sich darin zu verkriechen. Alles Bitten und Flehen verhallt im Getriebe der Kirmes. Gnadenlos ausgeliefert steht sie eine halbe Stunde später im Wohnzimmer vor ihrem Vater, der mit ernster Miene seine unruhigen Qualmkringel bläst. Fast so wie jeden Abend- und doch nicht. Was folgt, könnt ihr euch denken ...

© Mariefu 2021-09-15

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