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#mitgefühl#moral#menschsein

Samuna

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Samuna | story.one

Armut berührt, wird ignoriert, als lästig abgetan oder als selbstverschuldet. Wie oft geht man an einem Bettler vorbei, der einem, kniend auf einem Fetzen Pappendeckel, die Hände entgegenstreckt. Der Angeflehte empfindet entweder Mitleid und wirft eine Münze in die Dose oder empfindet Abscheu und versucht zu ignorieren. Dieses Verhalten lässt sich natürlich nicht nur auf Männer reduzieren, aber der Einfachheit halber schreibe ich im Maskulin, obwohl es allsexuell zutrifft.

Es gibt aber Situationen, da kann man nicht ignorieren.

Im Sommer 2000 führte mich meine Geschäftsreise nach Äthiopien. In Addis Abeba angekommen, wurden wir von einem Fahrer vom Flughafen abgeholt und ins Hotel gebracht. Es war nachts, beleuchtet war nur das Hotel- ein erstklassiges Haus inmitten eines riesigen Gartens. Erst am nächsten Morgen zeigte sich die Dimension und Schönheit dieser Grünoase. Wobei Oase sehr treffend formuliert ist, da rund um das Hotel nur Dreck, Beton, Staub und Chaos war. Befand man sich aber im Garten, glaubte man sich im Paradies. Um dieses Paradies zu erschaffen und zu erhalten, wurden Unmengen an Wasser benötigt, das an anderer Stelle, nämlich “draußen”, fehlte.

Natürlich wusste ich um die Armut in diesem Land. So wie auf allen meinen Reisen packte ich meinen kleinen Rucksack und brach auf, um Addis zu erkunden. Vom Hotelportal führte ein langer Kiesweg zum Außentor. Als ich aus diesem trat, kamen unzählige Kinder auf mich zu, sie umringten mich, berührten meine Kleidung, meine Arme. “Samuna, Samuna!", ich hörte immer nur “Samuna!” Ich kramte so gut es ging in meinem Rucksack und holte zwei Hände voll Schokolade und mein kleines Wörterbuch heraus. Die Kinder reckten ihre Arme empor, griffen sich die Schokolade und riefen immerfort “Samuna!” Ich blätterte im Amharisch-Übersetzer. Seife. Samuna bedeutet Seife. Ungläubig blickte ich die Kinder an. Sie fragten nach einem Stückchen Selbstverständlichkeit für uns Erste-Weltler.

Ich drückte mich aus der Kindertraube heraus und ging wieder zurück ins Hotel, in mein Zimmer. Im Badezimmer fand ich vier kleine Seifenstücke. Aus meinem Koffer holte ich auch nochmal sechs Seifen heraus, die ich immer wegen des Duftes zwischen meinen Wäscheteilen stecken habe. Ich klopfte bei meinen Kollegen und knöpfte ihnen alle Seifen ab, die sie in ihren Zimmern vorfanden. Der Rucksack füllte sich.

Als ich wieder aus dem Außentor trat, umringten mich die Kinder. Ich griff in den Rucksack und holte die Seifen hervor. Die Kinder waren außer sich, jedes wollte ein Stückchen ergattern. Sie streckten ihre Ärmchen in die Luft, machten lautstark auf sich aufmerksam. Jene, die erfolgreich waren, schnupperten daran und versteckten es in ihren Händen wie einen Schatz.

Und die Moral dieser Geschicht? Es wird nicht nur um Geld gebettelt. Oft wird um etwas Würde gebeten. Sich zu waschen und danach gut zu riechen gehört dazu…

© Noiram 2021-04-13

Afrika

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