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#frustrationstoleranz

Frustrationstoleranz

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Frustrationstoleranz | story.one

Da ist diese Linie, von der sie alle reden. Und auch derjenige, der noch nie von ihr gehört hat, weiß, wie sie sich anfühlt. Vorallem, wie es sich anfühlt, wenn sie überschritten wird.

“Ich war lange geduldig, ich hab alles mitgemacht, aber jetzt ist …!”

Cut

Drei Teenager rauchend, ihr Caps über die Stirn gezogen, nur der Qualm der sich im gelben Licht der Straßenbahn langsam auflöst. Es war 6 Uhr 35, erzählt mir eine Freundin, Donnerstagmorgen, und als jemand die Jungs auf die Zigaretten angesprochen hat, wären sie ausgetickt. Einer der Jungs verfolgte einen älteren Herr, der den Wagon verließ. Was dann geschah weiß niemand.

Cut

Ein Linienbus, Dienstagnachmittag, draußen blitzen Regentropfen an die dunklen Busfenster. Es ist Januar und es ist kalt. Alles ist still hinter den Masken. Der Bus hält. Die Türen öffnen sich nicht.

“Entschuldigung, ich will aussteigen aber der Halteknopf funktioniert nicht!”

“Verdammte scheiße!” schreit der Busfahrer. Damit hat niemand gerechnet. Ich zucke zusammen. Es seien mehr als nur ein Halteknopf im Bus, ob sie blind sei. Die Frau schüttelt den Kopf mit weit aufgerissen Augen. Draußen hält sie dem Fahrer einen ausgestreckten Mittelfinger entgegen.

“Das ist alles was ihr könnt!”

Und ich frag mich jetzt, ob es doch nicht nur die Kälte des Januars ist, die mich zittern lässt.

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"Jetzt ist Schluss!”, “Ich hab keinen Bock mehr!”, “Da wird man doch depressiv!” wütende Stimmen hallen in meinem Kopf wider, immer und immer wieder, die Kaffeepause mit der abwartenden Maske unterm Kinn und auf zwei Metern Abstand, ist nicht mehr das, was sie war.

“Entschuldigung, aber wir dürfen hier nicht mehr essen”. Die Praktikantin nickt, mit vollem Mund, schließt beschämt ihre Butterbrotdose und verlässt das Zimmer. Wo soll sie sonst essen? Im Schnee? Weiß niemand, niemanden kümmerts, es gibt genug andere Fragen.

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“Es tut uns leid, aber an der Konferenz können Sie leider nicht teilnehmen”, “Es tut uns leid aber…”, “”Coronaregelungen und…."

“Ich kann nicht mehr!” ruft meine Kollegin und haut die Kaffeetasse auf den Tisch, und ich seh sie sinken und sinken, bald ist die Linie erreicht.

Ich höre Schuldzuweisungen, Beschwerden, Wut und Frust, egal wo ich bin, im Zug, im Supermarkt, bei der Arbeit, manchmal wünschte ich mir, auch Homeoffice zu haben. Dann würde ich zumindest diesen Frust nicht mehr spüren, diese wackelnde, zitternde Linie, immer und immer wieder mit eigenen Augen sehen. Diese Linie, die Frustrationstoleranz, die bei dem einen bereits überschritten, bei dem anderen kurz davor ist.

Wo sind die Vorsätze hin? Die guten Worte, über Solidarität und Nächstenliebe, die uns bestärkt haben, die uns Anfang 2020 aufgefangen haben, in unserem Frust und unserer Angst – wo sind sie hin…? Jeden Abend seh ich die Bilder, die letzten April an eine Brücke geklebt wurden. “Getrennt und doch zusammen”, steht dort. Einige Fotos sind abgerissen, andere beschmiert, vom Taubendreck, dem Wind…der Kälte.

© Marisol 2021-01-13

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