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#katzenleben#nonfiction

Die blinde Katze oder: Weg durch Zeit

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Die blinde Katze oder: Weg durch Zeit | story.one

Ich verlasse die Küche und rauche eine. Bis gerade habe ich die Katze beobachtet, die mit großer Vorsicht Pfote vor Pfote setzt. Sie geht sehr langsam, seit sie erblindet ist und erschreckt sich vor jedem Gegenstand auf ihrem Weg. Man kann nicht lange dabei zusehen. Ihre Pupillen haben sich milchig eingetrübt wie zwei Gläschen Absinth, in die jemand einige Tropfen Wasser gegeben hat. Nur die Schnurrhaare warnen vor Hindernissen. So tastet sie sich vor. Sie ist 19, nicht mehr das Fellknäuel, das einmal in die Jackentasche passte, und ich mache mir keine Illusionen, denn Biologie kann grausam sein. Sie ist 19 und ich bin 31, was bedeutet, sie begleitet mich weit länger als die Hälfte meines Lebens. „Weh mir, wo nehm’ ich, wenn/ Es Winter ist, die Blumen…“ heißt es melancholisch bei Hölderlin. Um Zeit zu messen, braucht es Einheit und Maß. Aber was taugen Stunden, Tage, Jahre in Bezug auf das Leben?Die Zeit vergeht mit der Zeit immer schneller. Die Brüche werden kleiner. Zwei Tage nach der Geburt ist ein Tag die Hälfte des Lebens. Für einen Achtzigjährigen ist ein Tag etwa ein Neunundzwanzigtausendzweihundertstel seines Lebens. Geschwindigkeit ist Weg durch Zeit. Lebe schnell, sterbe jung? Besser: Werde alt, lebe schnell. Immer mehr Weg also, auch wenn du einfach nur dasitzt.

Reden wir also lieber über Distanzen. Ein Meter sei die Strecke, die das Licht im Vakuum während der Dauer von 1/299 792 458 Sekunde zurücklegt (vgl. Tafelwerk). Aber Hand aufs Herz: Kroch das Licht früher nicht gemächlicher durch die Lamellen der Jalousie? Wanderte die Sonne nicht über den Himmel, anstatt zu sprinten? So kommen wir vom Weg ab und sind erneut bei der Zeit. Man nennt es wohl gefühlte Realität. „Gefühle sind keine Fakten“, rufen die Szientisten. Ja, gefühlte Wirklichkeit ist durch den falschen Gebrauch einiger Leute in Verruf geraten. Dabei brauchen wir sie ebenso sehr. Vieles ist am Ende subjektiv.Aufgrund der Coronatoten seien in Deutschland 2020 etwa 300.000 Lebensjahre verloren gegangen. 300.000 Jahre seien also ein Corona-Jahr. Das kommt hin (gefühlt).

Da die Zeit, wie gezeigt, relativ ist, pflege ich sie inzwischen anders zu bemessen. Fünf Minuten sind knapp eine Zigarette (genüsslich geraucht). Sollte man nicht machen, da Rauchen die Lebenszeit verkürzt. Eine Halbwahrheit. Denn während ich rauche bremse ich die Zeit und wenn ich aufgrund des Lasters früher abtrete, so gleichen sich gewonnene und verronnene Stunden hoffentlich aus.

Zwanzig Jahre sind ein langes Katzenleben. Das wird immer eine lange Zeit sein für mich. Wird sie zwanzig und ich werde achtzig, ist das noch immer ein Viertel Leben. Werde auch ich einmal Maß sein? Für wen? Sterbe ich mit achtzig, wird mein Land dann in ferner Zukunft auf die Uhr schauen und sagen: „240 Jahre Frieden in Europa. Das sind drei Leben des Autors dieser Zeilen!"?

Ich gehe zurück in die Küche und die Katze hat ihre Futterschale gefunden.

© Markus Gottschall 2021-07-22

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