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#spion#zugreisen#kasachstan

Wer schweigt, ist Spion

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Wer schweigt, ist Spion | story.one

Treffen sich ein Kasache und ein √Ėsterreicher im Zug. Der eine kommt aus einem Land mit einer Regierung, die ihre korrupten Eskapaden zwar nicht mehr vorm Volk verbergen kann, sich aber in der Gewissheit wiegt, dass den Menschen der Mut und der Wille zur Auflehnung fehlen. Und der andere kommt aus Kasachstan und wollte genau dem entfliehen.

Als ich das Schlafabteil des Nachtzuges betrete, sitzt der Kasache unten am Fenster und seine zwei S√∂hne im Alter zwischen 8 und 12 liegen in den beiden Betten ganz oben. An seiner √ľberaus freundlichen, deutschen Begr√ľ√üung bemerke ich sofort einen Akzent. Russisch. Ohne Zweifel. Das erkenne ich immer und √ľberall. Ich wechsle die Sprache und frage ihn arglos auf Russisch, woher er kommt. Er stockt, wirkt wie eingefroren. Die beiden S√∂hne lugen √ľber die Bettkante herunter. Der Vater schiebt seine Brille zurecht, r√§uspert sich und stellt mir eine Gegenfrage. Warum ich Russisch sprechen k√∂nne, will er wissen und seine Stimme vibriert dabei vor Verbl√ľffung.

In 9 von 10 Fällen reagieren russischsprachige Menschen mit heller Begeisterung auf jedes unerwartete Wort eines Fremden in ihrer Muttersprache. Skeptisch schauen sie zwar oft drein, aber es ist fast immer eine freudige Skepsis. Der Verlauf dieser gerade entstehenden Unterhaltung scheint mir daher ungewöhnlich. Ich versuche sein rätselndes Gesicht zu entwirren und offenbare ihm meine Vergangenheit an russischen Universitäten. Als hätte ich etwas Wichtiges vergessen, straft er meine Erklärung mit Schweigen.

Im Rahmen eines Wettbewerbs besuchte ich einmal mit Freunden aus Russland die russische Botschaft in Indonesien. W√§hrend meine ambitionierten Gef√§hrten schwitzend ihre politischen Fragen den todernsten Mienen der russischen Botschaftsmitarbeiter stellten, war ich mangels ausreichender Russischkenntnisse bem√ľht, einzelne Worte aus dem Fremdsprachenrauschen herauszufiltern. Beim Verlassen der Botschaft ging ich als letzter aus dem mit Putinportraits beschwerten Raum, hinter mir marschierte nur noch der murmelnde Diplomat. Wie h√§tte ich wissen sollen, dass sein Gemurmel eine Frage an mich war? ‚Äú–ö—ā–ĺ –ľ–ĺ–Ľ—á–ł—ā, —ā–ĺ—ā —ą–Ņ–ł–ĺ–Ĺ", warf der Diplomat dann h√∂rbar hinterher. Auch das vermochte ich nicht zu dechiffrieren. Drau√üen tadelten mich meine err√∂teten Freunde und √ľbersetzten seine letzten Worte f√ľr mich: Wer schweigt, ist Spion.

Der kasachische Vater verschr√§nkt die Arme und beendet sein Schweigen mit einem mageren ‚ÄúInteressant‚ÄĚ. Aber wie ich hei√üe, habe ich ihm noch immer nicht verraten, meint er zaghaft. Ups. Entschuldigung, diese Frage habe ich dann wohl √ľberh√∂rt. Als Markus gebe ich mich zu erkennen und wir sch√ľtteln uns die H√§nde. Kein russischer Name, seine finstere Miene lichtet sich langsam und er beginnt zu erz√§hlen: Wie er gemeinsam mit seiner Frau der Heimat den R√ľcken kehrte, wie er eine hoch bezahlte Stelle in der deutschen IT-Branche fand, wie stolz er auf seine zweisprachigen Kinder ist.

© Markus Schwaiger 2021-04-08

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