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Der Versuch der alten Dame

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Der Versuch der alten Dame | story.one

Es ist wieder Lockdown-Zeit! Diese Zeit nutze ich, abgesehen von Proben im Kinderzimmer, auch für ausgedehnte Spaziergänge. Schon beim ersten Lockdown im Frühjahr habe ich meine nähere Umgebung genauer erkundet. Wie im Mai den Pötzleinsdorfer Schlosspark.

Mein Gott, ist es hier schön!, dachte ich mir. Ich war vollends begeistert und schritt beseelt durch die herrliche Natur. Und dann gesellte sich noch eine unendliche, große, unfassbare Stille zu mir. Der perfekte Moment. Nichts störte mich. Keine Menschenseele weit und breit. Keine Gelsen und kein Rasenmäher. Es war schlichtweg traumhaft kitschig. Dieser Moment ließ mich den tristen Lockdown komplett vergessen. Alles war schön! So perfekt, dass ich übermütig, geradezu wagemutig wurde. Ich entschloss mich, im perfekten Moment ein Selfie zu machen. Am Wegesrand entdeckte ich einen Strauch mit duftenden, rosa Blüten. Ich hatte keine Ahnung, was das für ein Strauch sein könnte. Es war mir eigentlich auch egal. Er gefiel mir und so wollte ich ein Selfie mit dem Strauch machen. Ich tue das wirklich selten, aber in diesem Fall überwand ich mich. Also brachte ich mich und mein Smartphone in Position. Ich stellte, wie ich es von meiner Großen (Profi-Tipp!) gelernt hatte, einen 10-Sekunden-Timer für ein Selfie. Ich hielt das Handy direkt vor mein Gesicht und versuchte locker, entspannt zu lächeln.

Auf einmal erspähte ich in weiter Entfernung eine ältere, weißhaarige Dame mit Gehstock. Langsam spazierte sie den Weg entlang. Als sie mich entdeckte, rief und deutete sie mir. Ich winkte ihr höflich mit meinem Smartphone zurück und widmete mich wieder meinem Selfie. Zu spät. Der Handytimer hatte das Selfie vom Strauch, ohne mich, längst gemacht. Also startete ich einen neuen Versuch. Ich wollte mein Bild vor dem blühenden Strauch. Doch als ich das begehrte Selfie erneut schießen wollte, winkte sie mir noch energischer mit ihrem Stock und rief erbost: “Halt! Kein Foto machen. Ich will das nicht!”

Ich fragte: “Bitte?“ Und dachte mir nichts dabei. Dann rief sie noch strenger: ”Kein Foto! Das ist verboten!“ “Wieso darf ich kein Foto machen? Wegen dem Strauch? So geht es auch nicht!”, wunderte ich mich. Sie kreischte wütend, dass mir angst und bang wurde: “Kein Foto!!!”

Nun verstand ich sie. Ich hielt mein Smartphone direkt, frontal in Richtung der alten Dame und grinste dabei auch noch schwer selbstverliebt zu ihr hinüber. Die alte Dame war der fixen Überzeugung, dass ich ein Foto von ihr machen würde. Am Ende hielt sie mich vielleicht für einen Seniorinnen-Stalker. Um Gottes willen!

“Ich mache ein Selfie! Von MIR. Nur der Strauch und ich! Ohne Sie, gnädige Frau!”, versuchte ich beschwichtigend zu erklären. Das konnte sie erst recht nicht verstehen. Sie fuchtelte weiter mit dem Stock, schimpfte und stapfte, so schnell es ihr möglich war, an mir vorbei.

So kann man sich irren. Jeder sieht und hört oft nur das, was er will. Oder eben nicht. Das Selfie hab ich dann doch gemacht. Ätsch.

© Martin Buchgraber 2020-11-12

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