skip to main content

#Afrika#kulturunterschiede#kolonialismus

Das Venedig Afrikas

  • 223
Das Venedig Afrikas | story.one

“Es stinkt”, sagt meine Nase. “Nach Fisch. Nicht nach Frischem, nach Getrocknetem”. Der intensive Geruch steigt von dunkelbraunen Holzbrettern auf. Darauf liegen kleine und ganz kleine Fische, gleich neben der Straße. Die leichte Brise des Meeres weht den Geruch in die offene Caleche, in der ich sitze. Eine Stadtrundfahrt mit einer blau bemalten, etwas rostigen Pferdekutsche durch St.Louis, oft als “Venedig Afrikas” gerühmt.

Das historische Stadtzentrum auf der Ile Saint-Louis haben wir bereits hinter uns gelassen. Der bröckelnde Verputz, die abblätternden Fassaden der alten Faktoreien verströmen “Charme”, habe ich im Reiseführer gelesen. Touristguide Babacar erzählt von ungeklärten Besitzverhältnissen der verfallenden Häuser, manche einsturzgefährdet, dennoch bewohnt von Einheimischen. Und von Franzosen, die die Häuser kaufen, renovieren lassen, danach darin residieren. Ein Hauch von Kolonialismus also. Immer noch. Die Verleihung des Prädikats UNESCO-Welterbes 2004 inklusive.

Wir sind von der “Insel” übergewechselt auf die schmale Landzunge “Langue de Barberie". Fahren durch das Dorf Guet Nadar, am Meer entlang. Farbenfroh bemalte Pirogen, Fischerboote, daneben Holz gelagert zum Bau neuer Boote. Der Sandstrand übersät von Plastikmüll. Auch unter den Holzbrettern, auf denen die Fische trocknen. Wäscheleinen nahe am Straßenrand, auf denen T-Shirts, Jeans und Hemden im Wind flattern. Verschleierte Frauen in langen Gewändern, bedruckt mit traditionell westafrikanischen Mustern. Sie waschen in Plastikbottichen Wäsche, hängen sie auf bemalte Zäune vor windschiefe Hütten aus grauen Brettern. Ein alter Mann in violett-schwarzem Boubou sitzt auf einer umgestürzten Betonmauer. Ein Bub deutet aufgeregt auf die Pferdekutsche, auf mich. Ruft “Toubab!", “Weiße!" “Die Leute hier”, sagt Babacar, "kriegen viele Kinder, weil sie sie als Arbeitskräfte brauchen. Für die Landwirtschaft und für die Fischerei." Dass sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken, kritisiert er scharf. Der Kutscher “unserer” Caleche ist etwa zehn Jahre alt.

An einer Reihe großer Lkw fahren wir vorbei, bunt bemalt mit den Namen der Besitzer und Segenssprüchen. Damit die eisgekühlte Fracht, frische Fische, gut ankommen möge. Die meisten von ihnen, erklärt Babacar, fahren nach Mauretanien. “Hast du einen `camion´, bist du ein gemachter Mann", sagt er. “Wie lange noch?” denke ich mir. Die Hochseeschiffe aus China, der EU fischen weit mehr, als sie offiziell dürfen. Senegals Fischer werden brotlos.

Später sitze ich im Innenhof eines Hauses und warte auf Bekannte. Stelle mir vor, ich wäre nicht in Österreich, sondern im Senegal geboren. Wenig Chance auf höhere Schulbildung, insbesondere, wenn ich viele Brüder hätte. Erwartet und erhofft ein Leben als Ehefrau, die ihrem Mann viele Kinder schenkt, in Konkurrenz mit bis zu drei anderen Ehefrauen. Polygamie ist erlaubt, gang und gäbe. Scheidungen ebenfalls.

© MaschataDiop 2021-02-27

ReisenAfrika

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.