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#Afrika

Eintrittsgeld ins Paradies

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Eintrittsgeld ins Paradies | story.one

Die alte Frau sah in die Runde. Die Augen der Kinder glänzten. Dunkel und weiß. Wunderschön. Sie sahen die Geschichtenerzählerin erwartungsvoll an, manche mit offenem Mund. Andere hatten einen Finger zwischen die Zähne gesteckt, kauten aufgeregt daran herum, ungeduldig darauf wartend, dass die Alte mit ihrer Geschichte beginnen würde.

Die Geschichtenerzählerin seufzte kurz auf, rückte ihren massigen Oberkörper ein Stück zurecht. Ihr großer Hintern bewegte sich wie eine riesige Welle auf dem Polster, auf dem sie Platz genommen hatte. Ihre Beine, die im Gegensatz zu ihrem Körper spindeldürr waren, hatte sie lang von sich gestreckt. Ihre Füße steckten in Sandalen aus gegerbtem Ziegenleder. Die Haut ihrer Fußsohlen, deutlich heller als die ihrer Beine, war eingetrocknet, voller Runzeln und Falten. Trocken vom Staub der Straße, die sie langsam heraufgekommen war, als sie die Glocken läuten hörte. Ein Mensch war gestorben, sie konnte erahnen, wer es war, hatte aber darüber noch keine Bestätigung erhalten. Doch es war gleichgültig, denn ihre Aufgabe war es, die Kinder ruhig zu halten, solange die Erwachsenen bei dem Verstorbenen waren. Um die Leiche zu waschen und herzurichten für die Aufbahrung.

Ein Großteil der Dorfbewohnerinnen war zum Katholizismus übergetreten. Sie hatten gehofft, so die Männer von der Polygamie abhalten zu können. Eine Hoffnung, die sich bei keiner von ihnen erfüllt hatte. Und auch die Toten wurden immer noch nach animistischen Ritualen bestattet. Das bedeutete, sie mit duftendem Öl zu waschen, unter Achseln und in alle Körperöffnungen stark riechende Kräuterbüschel zu stecken, sie anzukleiden in das zuletzt getragene Festtagsgewand – sofern eines vorhanden war. Die Hände vor der Brust gefaltet, zwischen den Fingern, nein, keinen Rosenkranz, sondern eine kurze Kette aus Kauri-Muscheln. Eintrittsgeld für´s Paradies. So also begann die Alte: “Yàlla, yàlly, bay sa tool". Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. “Amen", antworteten die Kinder.

© MaschataDiop 2021-01-24

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