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#rassismus#kulturaustausch

Tokio - Attnang-Puchheim

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Tokio - Attnang-Puchheim | story.one

Auf dem für mich reservierten Sitzplatz sitzt einer. Sein Gepäck hat er auf den Sitzen um sich herum aufgestapelt. Sonst sitzt niemand im 6er Abteil. Ich schaue nochmals auf mein Ticket. Ja, auf meinem Fensterplatz sitzt der. Er weiß es, sieht mich unsicher an. Klein gewachsen, Oberlippenbart, schwarze Haare, schmale Augen – das Klischeebild eines Japaners. Er macht Anstalten aufzustehen. „No problem“, sage ich großzügig.

Kaum habe ich ihm gegenüber Platz genommen, fängt er auch schon zu reden an. Ob ich reisend sei, fragt er, und wie lange die Fahrt? Ich komme von den Wolfgangseer Literaturtagen, bin auf der Heimreise nach Wien. Oh, Wien, 8 Tage habe er dafür geplant gehabt. Eine schöne Stadt. Er sei auf dem Weg nach Hallstatt – ein Tag. Für Salzburg waren es 3 Tage. Er stammt – wie könnte es anders sein – aus Tokio. Eine laute Stadt, aber er lebe gerne dort. Er spricht von Kant und dass er morgen nach Leipzig fährt. Dass er Mozart, Beethoven und Bach so sehr mag. Er ist Universitätsassistent, in Tokio. Seine Fachgebiete? Philosophie und Literatur. 3 Wochen habe er Reisezeit, sie seien ihm Urlaub und Arbeitszeit für Recherche gleichermaßen.

Er spricht gut Deutsch, wenn ich auch manches Wort ob seines Akzents kaum verstehen kann. Und weil der Waggon manchmal heftig laut über die Schienen rumpelt. Was ich arbeite, was ich gerne lese? Zeitgenössische AutorInnen, niederländische zuletzt: Connie Palmen, Leon de Winter. Kennt er nicht. Aber bei Paul Auster leuchten seine Augen auf, den mag er. Auch Thomas Mann und Schnitzler hat er gelesen. Er könne Deutsch besser lesen als sprechen, es sei schwer, sagt er und lächelt und legt die Stirn in Falten. Die Japaner lieben alles Europäische, sagt er, orientieren sich daran, auch am Amerikanischen. Aber WARUM eigentlich, frage ich. Hat Japan nicht selbst eine großartige Kultur, an der es sich zu orientieren lohnt? Den Jungen, erklärt er, sei die europäisch-amerikanische Kultur eben näher. Bei den Älteren sei es anders, aber da sei wieder die Gefahr des Nationalismus groß.

Der Schaffner kommt mit Zeitungen – wir sitzen in einem 1.Klasse-Abteil, da dürfen wir gratis lesen. Ich wähle, mein Mitreisender schüttelt den Kopf. „Na, gell, Sie lassen sich´s dann eben vorlesen“, sagt der Schaffner. Mir verschlägt es die Rede, sollte wohl sagen: „Der Herr hier spricht Deutsch, noch besser versteht er es zu lesen. Und wie sieht´s mit Ihrem Japanisch aus?“ Mein Mitreisender lächelt in mein betroffenes Schweigen, macht einen Schluck aus seiner Flasche „Apfelsaft g´spritzt“.

„Nächster Halt: Attnang-Puchheim“ tönt es aus dem Lautsprecher. Mein Abteilgenosse springt auf, nestelt am Schloss seines Koffers, streckt mir eine Handvoll bunter, japanischer Lesezeichen hin. Ich soll mir eines aussuchen. Ich wähle eine Rot umrahmte Winterlandschaft. Auf die Rückseite notiert er seinen Namen, Adresse, Telefonnummer, E-Mail. Sollte ich einmal nach Tokio kommen, müsse ich ihn – Jun Ito - unbedingt anrufen!

© MaschataDiop 2021-02-28

Reisen

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